Archiv für Juli 2008

Zwischen Lesbarkeit und Eigenart

Dienstag, 29. Juli 2008

Wie an anderer Stelle bereits festgestellt, und in einem Kommentar noch einmal weiter ausgeführt, darf Deutsch eigentlich jeder so schreiben, wie er oder sie es gerne hätte. Das bezieht sich nicht nur auf den Stil, sondern ausdrücklich auch auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und sogar Grammatik. Und, mal ganz ehrlich, die meisten Menschen tun das auch, mehr oder weniger. Vielleicht nicht immer absichtlich, aber darauf kommt es nicht an.

Wichtig ist – zumindest wenn man es darauf anlegt – die Lesbarkeit, die Verständlichkeit eines Textes. Man sollte meinen, daß das nicht so schwer sein kann. Schreiben kann schließlich jeder. Doch das täuscht. Schreiben ist gar nicht so leicht.

Maler

Ein selbständige Malermeister zum Beispiel, früher mal mein Kunde, als ich noch halbtags in einer Agentur herumsaß, war schwerer Legastheniker. Außerdem italienischer Herkunft. Die handgeschriebenen Textvorlagen, die er mir mitunter zufaxte, bedeuteten für das gesamte Team regelmäßig ein umfangreiches Rätselraten. Lustig, wie man vielleicht meinen könnte, war das nicht. Über einzelne Vertipper oder Buchstabendreher läßt sich leicht lachen. Was aber, wenn sich rein gar nichts mehr zusammenzufinden scheint? Und es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr dieser Mann in der Lage war, Sprache bis in seine Einzelteile zu verwechseln und zu verdrehen. Oder, um es klar zu sagen: Insbesondere bei längeren Texten waren seine Absichten, oder auch nur irgendein Zusammenhang zwischen den einzelnen „Worten“, wenn es denn wirklich „Worte“ waren, kaum noch zu erkennen. Auch wenn uns allen völlig klar war, daß da etwas sein mußte. Irgendwo, versteckt in den Zeilen.

Zum Glück war dem Mann das Problem bewußt, und er ging offensiv damit um. Angebote schrieb seine Frau, auch die Rechungen ließ er von ihr korrigieren. Nur die Werbung wollte er selbst erledigen. Und damit lag er goldrichtig, denn seine Ideen waren ausgezeichnet. Witzig, und oft genug genau auf den Punkt gebracht. Doch er wäre nie in der Lage gewesen, sie schriftlich so zu formulieren, daß irgendwer verstanden hätte, worum es ihm geht. Ganz zu schweigen von einer endgültigen Umsetzung. Deshalb kam er zu uns.

Meistens rief er nach der Textübermittlung, irgendwann zwischen seinen vielen Terminen, noch einmal an, um seine Ausführungen geduldig zu erklären. In einer glasklaren, beinah eloquenten Art übrigens. Und in fast akzentfreiem Deutsch. Der Mann war immerhin Meister, und ziemlich erfolgreich dazu. Nur Schreiben war nicht sein Ding.

Dichter

Zu jeder Zeit haben Schriftsteller und Dichter, heute sagt man wohl Autoren, gemacht, was sie wollen. Sie haben Versformen erfunden und wieder verworfen, noch ehe die Literaturwissenschaft diese benennen konnten. Heute verfassen sie Unformate, die in kein Schema passen. Im Internet etwa entstehen sehr seltsame Dinge. Auch Romane von ein paar hundert Seiten scheinen derzeit nicht zeitgemäß. Erzählungen wiederum sind zu behäbig, und für Kurzgeschichten fehlt ein konkreter Anlaß in der Welt.  Alles ist irgendwie dazwischen und anders. Vor allem im Netz, das ein paar eigene Gesetze hat.

„Echte“ Dichter hingegen bemühen sich natürlich um die Verbesserung, ja die Vervollkommnung der Sprache. Wenn es sein muß auch, indem sie eine eigene zu erfinden versuchen. Ted Hughes, wenn ich mich recht erinnere, hat sich bis zu seinem Tod darum bemüht. Ich glaube aber, daß er gescheitert ist. Er muß einfach gescheitert sein. Ich hoffe es sehr, weil Sprache letztendlich eine Sache von vielen ist. Zumindest sollte sie das sein.

Obwohl ich andererseits selbst seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, an einem Gedicht arbeite, das sich den mir bekannten sprachlichen Mustern vehement versperrt. Nur zwei Zeilen stehen bislang:

int rabend schwark/te nach tenaht/

Natürlich weiß ich genau, was das bedeutet. Auch wenn ich die Sprache nicht verstehe. Ich weiß nicht einmal, welche Sprache das sein – oder aber werden – könnte. ich habe keine Ahnung. So etwas kommt vor, man kann sich nicht dagegen wehren. Vielleicht ist es nur Wortmalerei. Oder Rhythmus. Vielleicht beides. Auf jeden Fall ist es Spielerei, mehr nicht. Und wenn es in dem Tempo weitergeht, werde ich ohnehin in diesem Leben nicht mehr fertig. Vielleicht wird es aber auch ein Dreizeiler. Ganz bestimmt jedoch werde ich damit scheitern, in meinem eigenen, kleinen, bescheidenen Rahmen. Und das ist gut so.

Blogger

Selbstverständlich dürfen auch Blogger schreiben, wie sie wollen. Und das tun sie. Es gibt bloggende Legastheniker, Blogger, die keinen Funken Gespür für Struktur und Zeichensetzung haben – und es ihren Lesern damit denkbar schwer machen -, und dennoch schreiben und Schüler, die irgendwo in der Welt ein deutsches Blog aufmachen, um Deutsch zu lernen. Das alles existiert im Netz, massenhaft vermutlich, und noch vieles mehr.

Was man findet, ist also spannend oder langweilig, flüssig oder anstrengend, je nachdem. Darüber hinaus lassen sich Stil und Inhalt nicht immer voneinander trennen, nicht vom Leser zumindest. Ein packender Beitrag wird vielleicht auch gelesen, wenn er etwas umständlich geschrieben und mit „Fehler“ gespickt ist. Ohne Frage ist es so besser, als in einem zähen stilistischen Einheitsbrei zu versinken. Dafür ist das Bloggen, sind Blogger nicht geschaffen. Doch es gibt Grenzen, die der Lesbarkeit vor allem. Über die sollte man nachdenken und sie möglichst selbst bestimmen.

In meinem Privatblog schreibe ich übrigens fast ausschließlich klein und ernte dafür immer wieder eindeutiges Gemecker. Schlecht lesbar sei das, und eine längst überholte Idee aus den 70ern. Kann sein. Stimmt vermutlich sogar. Aber bei mir ist das eben so geregelt: Privates wird klein geschrieben. Auch die Privatkontakte in meinem Telefon sind klein gespeichert, die Geschäftsnummern hingegen groß. Obwohl es da längst andere Möglichkeiten gäbe, das weiß ich auch. Na und? Das ist eben mein Stil.

Twitterlesung

Sonntag, 27. Juli 2008

Früher, also bis vor ein paar Monaten, gab es immer wieder mal eine Bloglesung. Ich erinnere mich gut, daß sich seinerzeit darüber schon so manch einer gewundert hat. Was soll man denn aus Blogs vorlesen? Und warum? Kommt da überhaupt wer? Natürlich kamen viele. Andere Blogger und Bloggerangehörige, wie sich das gehört. Und die Bloglesungen, auf  denen ich zugegen war, egal ob als Lesende oder als Gast, waren  ausgesprochen anregend, darüber hinaus meistens amüsant und hielten vor allem stets eine nette Aftershowtime bereit.

Die Zeiten sind jetzt also vorbei, denn nun gibt es die Twitterlesung. Was davon zu halten ist, habe ich gestern abend höchstpersönlich zu ergründen versucht.

Sachlich zusammengefaßt lautet mein Fazit: Streckenweise war es furchtbar, stimmt. Aber das hat es auch schon auf Bloglesungen gegeben. Und eine Twitterlesung beherbergt in sich immerhin das Potential zur szenischen Lesung, wenn nicht zu einer Art absurdem Theater. So etwas gibt es bei Bloglesungen nicht. Doch das sollte dann vielleicht mal wer versuchen.

[Letzteres bedeutet natürlich, daß dieser jemand dem Ganzen eine narrative Struktur unterlegen muß. Was wiederum zwingend die Kunst des Weglassens erfordert. Außerdem braucht es geübte Leser, respektive Interpreten. Ganz so einfach ist es also nicht.]

Alles ist Inhalt

Donnerstag, 24. Juli 2008

Morgens in der Küche höre ich BBC Radio. Immer. Das ist fester Bestandteil meiner ganz persönlichen Aufwachzeremonie, in deren Zentrum die erste und einzige Kaffeezubereitung des Tages steht. Die anderen Bestandteile wechseln, manchmal gibt es Müsli, Äpfel, Käse und Brot, ein anderes Mal nur Schokolade zum Frühstück. Je nachdem, wie die Termine liegen. Aber zwischen all dem und durch jeden meiner meist müden Morgen hindurch redet eine Weile BBC auf mich ein. Soviel Zeit muß sein.

Immerhin ist die BBC – the British Broadcasting Corporation – der Welt größtes Nachrichtending, mit Rundfunk und Fernsehen und einer mehr als soliden Website. Das Angebot dort steht in 33 Sprachen zur Verfügung, auch auf Französisch und Spanisch. Nur auf Deutsch nicht, doch darüber möchte ich an dieser Stelle nicht spekulieren.

Vielmehr beschäftigt mich seit einigen Tagen die Frage nach dem Inhalt. Wie füllt man soviel Zeit, fast ohne jede Musik? So ist das nämlich. BBC World sendet alle halbe Stunde Nachrichten, und auch dazwischen gibt es, zumindest am Morgen, nur Wortbeiträge. Reportagen, Live-Interviews und moderierte Talkrunden. Alles in höchster journalistischer Qualität und Humor. Das ist schon nach ein paar Minuten bestechend.

Natürlich ist das eine rhetorische Frage. Hinter einer solchen Firma stecken gut durchdachte Strukturen, viele verschiedene Menschen, in den verschiedensten Positionen, und nicht zuletzt eine Menge Geld. Anders geht es nicht, und das kann sich sicher jeder bildlich vorstellen. Ein Gewusel und Gehetze, rund um die Welt. Das ist BBC.

Blogger hingegen hocken meistens vor ihrem Rechner, immer auf demselben Fleck. Von dort aus kümmern sie sich um die Technik, den Inhalt und letztendlich auch noch die Leserpflege, mutterseelenallein. Das kann man natürlich nicht vergleichen, ein Blog und die BBC. Das funktioniert nicht. Ein Blog ist etwas ganz anderes, aber auch ein Blog will gefüllt sein. Und lernen kann man das überall, auch im Radio.

Neulich zum Beispiel, während gerade der Kaffee zu brodeln anfing, war doch nebenbei tatsächlich ein im Grunde absolut typischer Blogbeitrag zu hören. Keine Moderation, keine O-Töne, keine Schnitte. Nichts dergleichen. Nur ein Mensch, der eben mal schnell was erzählt. Um das Falten von Zeitungen ging es da, um die Sinnlichkeit von Druckerschwärze an den Fingern, und daß der Vater des Autors Zeit seines Lebens eine innige Beziehung zu seiner Tageszeitung gepflegt hatte.

Gut erzählt war es natürlich. Ohne Zweifel gab es auch etliche eingestreute Fakten, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnere. Doch es war BBC, da beruht alles auf gründlichen Recherchen. Davon gehe ich aus.

Nicht zuletzt muß noch festgehalten werden, daß das Thema in letzter Zeit verschiedentlich vorkam. Wie und wieso können oder sollen junge Leute wieder an Zeitungen herangeführt werden? Informationsflut, Medienkompetenz und so weiter. Sind Zeitungen überhaupt noch zeitgemäß? Auch in Blogs wurde darüber geschrieben, wenn ich mich recht erinnere. Zumindest über Teilaspekte. Aber um das Thema selbst soll es im Moment nicht gehen. (Hab mir außerdem mal wieder die Links nicht gemerkt und jetzt keine Lust zu suchen.)

Soviel nur zum Thema Blogger und Journalisten. Es muß halt gemacht werden, und es muß gut gemacht werden. Egal wo. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Blogorthographie

Mittwoch, 23. Juli 2008

Am 1. August 2006 hat die langjährig verhandelte neue deutsche Rechtschreibung zu einem mehr oder weniger glücklichen Ende gefunden. In den Schulen wird seither verbindlich gelehrt, daß man Stengel mit ä und daß mit ss schreibt. Auch amtliche Schreiben werden in Zukunft wohl in dieser Art verfasst. Oder vielleicht verfaßt werden müssen, wer weiß das schon. Natürlich sind meine Übersetzungsprogramme längst auf dem neuesten Stand, ich habe mich – berufsbedingt – eingehend mit den Änderungen beschäftigt. Und zwar die ganze Zeit über, durch alle verschiedenen Zwischenreformen hindurch. Aber glasklar ist die Lage durchaus nicht. Besonders weitreichend kann die Verbindlichkeit der zu Recht umstrittenen Reform nicht genannt werden. Zum Beispiel ist das Erlassen von Hausorthographien durchaus üblich. Und erlaubt. Denn letztendlich kann und darf jeder so schreiben, wie er will. So war es übrigens immer schon.

Ich erlaube mir also, an dieser Stelle meine persönliche Blogorthographie einzuführen, die im Übrigen recht einfach ist. Es handelt sich um die traditionelle deutsche Rechtschreibung, bereichert um den einen oder anderen Tipfehler.

Einstweilen

Freitag, 11. Juli 2008

Man soll ein Projekt nicht schon in der Entwicklungsphase anzuschieben versuchen. Besser ist es, die Struktur gut durchdacht und bereits Content vorproduziert zu haben. Das habe ich erst kürzlich gelesen. Irgendwo im Internet, ich weiß nicht mehr wo. Ich glaube es ging um Blogs.

Das soll man auch nicht tun, das Wort „irgendwo“ benutzen, wenn man den Link verschlampt hat. Zitieren ist eine Kunst, die beherrscht sein will.

Stimmt ja, alles.

Aber ebenso ist es Unsinn in einer Zeit, in der alles kommt und wieder geht, vielleicht ohne den Hauch einer Spur zu hinterlassen. Allen Such- und Sammelmaschinen zum Trotz.  Das Internet ist der Inbegriff des permanenten, schleichenden Wandels. Was gestern noch ein Onlineshop war, ist heute vielleicht die Webpräsenz eines Betriebes aus der metallverarbeitenden Branche. Oder ein Strickblog, womöglich noch vom selben Autor. Obwohl das auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich erscheint. Manches verschwindet auch einfach, selbst wenn es immer wieder heißt: Das Internet vergißt niemals.

Stimmt ja. Und stimmt auch wieder nicht.

Ähnlich verhält es sich hier. Was bis vor kurzem noch ganz anders aussah, wandelt sich derzeit zu einem Blog über das Bloggen und Schreiben an sich. Oder so ähnlich, mal sehen.

An dieser Stelle wird also gearbeitet, mal mehr und mal weniger, und zur Zeit noch vorwiegend im Hintergrund. Kurzinformationen gibt es einstweilen über den hauseigenen Twitteraccount.