Archiv für Oktober 2008

Wer bloggen will, muß lügen

Sonntag, 26. Oktober 2008

Die weitverbreitete Annahme, daß Blogs grundsätzlich so eine Art Tagebuch seien und von daher ein naturgetreues Bild der Wirklichkeit oder gar des bloggenden Menschen selbst abgäben, ist nahezu immer falsch. Ich kenne kaum ein Blog, daß das leistet oder es auch nur versucht. Ich halte es auch für nahezu unmöglich. Immer gibt es Auslassungen, mehr oder weniger große weiße Flecken im Textgespinst. Das muß so sein. Es gibt Dinge, über die einfach nicht geschrieben werden kann. Bei aller vermeintlichen Offenheit. Nicht so zumindest, nicht öffentlich. Und auf gar keinen Fall, ohne das wahre Geschehen geschickt zu kaschieren.

Lügen ist also weitverbreitet und sowieso prinzipiell erlaubt. Alle Blogger lügen, daran führt kein Weg vorbei. Wie im richtigen Leben. Lügen sind Teil einer globalen Konstruktion. Die Frage ist nur, wie gut gelogen wird.

Man lernt es als Kind, irgendwann. Man begreift schnell, daß Lügen kein leichtes Spiel ist, sondern eines, das gut durchdacht sein will. Es hilft nicht, zu behaupten, man sei im Kino gewesen, wenn man den Film nicht erzählen kann. Nicht einmal in groben Zügen. Darum muß man sich kümmern. Wer das nicht will oder kann, der sollte es mit dem Lügen gar nicht erst versuchen. Und sich statt dessen besser in Schwiegen üben. Das geht auch, das ist der andere Weg. Echte Schweiger bloggen allerdings eher selten. Eben weil sie nicht lügen können. Oder wollen

Eine der wichtigsten Entscheidungen in Zusammenhang mit einem Blog ist die Lüge über die eigene Identität. Egal, ob unter Klarnamen oder Pseudonym gebloggt wird. Gleichgültig auch, ob Geschichten erzählt oder Tagesprotokolle erstellt werden sollen. Immer bildet sich eine Blogpersönlichkeit heraus, die mit der realen Person nur zum Teil identisch ist. Mitunter haben beide auch rein gar nichts miteinander zu tun. Je nachdem, wie weit die Verfremdung gehen soll, sind bereits im Vorfeld Überlegungen anzustellen, wie das Ganze funktionieren kann. Auf die Art wird quasi ein zweiter Boden eingefügt.

Ähnliche Überlegungen müssen natürlich in Bezug auf alle Personen, die im Blog auftauchen, angestellt werden. Die Regeln, die für die eigene Person gelten, sollten – am besten noch wesentlich strenger – auch für alle anderen zugrunde gelegt werden. Im Zweifel kann man natürlich vorher einfach mal nachfragen.

Der zweite Bereich mit meist überdurchschnittlichem Lügenbedarf tritt eher im Ablauf zutage, also beim alltäglichen Bloggen selbst. Auch die Zeit ist ein grundlegendes Problem, über das beizeiten nachgedacht werden sollte. Erzähle ich meinem Publikum immer, wo ich mich gerade befinde? Teile ich also öffentlich mit, in welchem Hotelbett nächtige und mit wem? Oder daß ich einen dreitägigen Ausflug in die Schweizer Berge mache? Muß das wirklich sein? Tatsächlich? Kann das nicht auch ein paar Tage später geschehen? Merkt doch eh keiner. Oder?

Lügen dienen vor allem dem Schutz. Nur deshalb lernen Kinder es irgendwann. Weil sie etwas für ich haben und behalten wollen. Ein Geheimnis, ein Geschenk. Oder etwas, das sie ganz allein bestimmen. Ein Erlebnis, einen Traum. Eine Welt eben. Dafür lohnt es sich zu lügen.

Für das Bloggen heißt das im Extremfall, daß eine mehr oder weniger groß angelegte Lügenstrategie bis ins Detail ausgearbeitet werden muß. Und auch darüber hinaus bedeutet es, immer wach zu bleiben und gut nachzudenken. Was geht und was nicht. Was paßt, und was liegt daneben. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, Wort für Wort. Aber das ist beim Schreiben ohnehin unerläßlich.

Im Grunde muß also über den Grad der Verschleierung eines jeden Beitrags entschieden werden. Mal mehr und mal weniger. Je persönlicher das Thema, desto vorsichtiger sollte man sein. Desto besser sollte man lügen können. Gut zu lügen bedeutet vor allem, die Dinge nicht völlig aus der Wirklichkeit herauszudrehen. Sie nicht unkenntlich zu machen, obwohl auf Anhieb nichts erkannt werden soll. Das vor allem macht die Kunst des Bloggens aus. Und es gehört auch zum Schreiben, irgendwie.

Damit allerdings betreten wir endgültig den literarischen Bereich. Und Formfragen sind ein weites Feld, nahezu unübersehbar.