Archiv für Februar 2009

Anker setzen im kreativen Chaos

Samstag, 28. Februar 2009

Vieles ist zu planen, zu entscheiden und nicht zuletzt umzusetzen, wenn am Ende ein schlüssiger Text auf dem Papier oder im Netz stehen soll. Egal in welchem Bereich, ob Fiktion oder Sachtext, Reportage oder Alltagsbeschreibung. So viel greift ineinander, bedingt sich oder schließt sich aus. Da ist es völlig normal, zumindest zeitweise, den Überblick zu verlieren über die unzähligen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die in einem Stoff liegen. Das geschieht fast zwangläufig.

Bei einem einzelnen Blogeintrag ist der Umfang des zu erwartenden Chaos’ vermutlich noch nicht allzu groß. Aber wenn man das gesamte Blog betrachtet, sieht es womöglich schon ganz anders aus. Fragen über Fragen: Welche Rubriken soll ich anlegen? Wie benenne ich sie? Soll ich überhaupt rubrizieren? Ist eine Reihenfolge möglich? Wenn ja, welche Reihenfolge wähle ich? Muß ich dafür meine Beiträge planen? Wie plane ich Beiträge? Und wo bleibt dann mein Spaß? Kann ich das Ding nicht einfach laufen lassen? Das läuft doch sicher auch, ist doch nur ein Blog. Oder etwa nicht?

Klar läuft ein Blog auch von selbst, zumindest solange man etwas hineinschreibt. Es findet schon seine Form, irgendwie. Welche das sein wird, ist dann mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Das macht aber nichts, denn ohnehin können sich Blogs ohne großen Aufwand ändern und immer wieder wandeln. Ebenfalls ganz von allein. Von Erfolgsstrategien, von Leser- oder Klickzahlen ist an dieser Stelle allerdings nicht die Rede. Auch Marktchancen und Verkaufzahlen spielen zunächst einmal keine Rolle, denn noch befindet sich alles in der Produktion, und der Verfasser hadert mit den möglicherweise vielschichtigen inneren Werten eines Textes. Nur darum geht es.

Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem Chaos umzugehen. Bücher über das Schreiben lesen, zum Beispiel, oder Schreibkurse besuchen. Das hilft wirklich. Also: Üben, üben, üben. Thematische Schwerpunkte setzen, Listen schreiben und abhaken, grundsätzliche Arbeitsstrategien entwickeln und dennoch die Einzelaspekte jeder einzelnen Geschichte nutzen. Locker und leicht. Anders gesagt: Planen, planen, planen. Arbeiten, so wie es auch in der Schule gemacht wird. Und irgendwann einfach loslegen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist schwerer zu beschreiben, denn sie ist individuell. Die andere Seite ist die magische Seite, ungeplant und frei schwingend. Die versucht wohl jeder auf seine Weise in den Griff zu bekommen. Ich suche mir Dinge, große oder kleine Gegenstände, die ich entweder an meinem Schreibplatz plaziere oder aber für die Dauer der Arbeit bei mir trage. Also mitunter für ein paar Jahre. Dinge, die ich mit meinem Thema in Verbindung bringe, auf die eine oder andere Art, wie auch immer. Für andere muß der Sinn darin nicht unbedingt klar erkennbar sein, ganz im Gegenteil. Das Ding muß nur mich erinnern und verankern. An und in das, was ich weiß, daß ich schreiben will.

Damals, als ich Lucas vorbereitete, fand ich in einem Wuppertaler Waldstück zwei recht unscheinbare Steine. Sie waren sich ähnlich, aber durchaus nicht gleich. Beide grau und kantig, der eine fast genauso schwer wie der andere. Dennoch recht verschieden in der Form. Und ich weiß nicht wie, für die Dauer der Arbeit an dem Roman, konnte ich die beiden auf eine Weise zusammenstellen, aneinandergeschmiegt, daß sie sich gegenseitig stützen. Jeder für sich war nicht in der Lage, auf der Fläche zu stehen, auf der er zusammen mit dem anderen stand. Dazu kam die Tatsache, daß kaum etwas zwischen die Schmiegefläche der Steine paßte, wenn sie so auf meiner Fensterbank standen. Nur ein ganz klein wenig Licht.

Ziemlich genau zwei Jahre repräsentierten diese zwei Steine meine beiden Hauptfiguren, trugen mich durch die Zeit der Arbeit, hielten mich im Spiel. Was auch immer geschah, ob meine Katze sie lässig aus dem Weg geräumt hatte oder ich sie für den Abend mit an mein Bett nahm, immer war ich auf Anhieb in der Lage, sie sofort wieder richtig aufzubauen. So, daß sie sich aneinanderschmiegten, beinah zu einer Einheit wurden.

Unmittelbar nach Abschluß des Manuskripts war ich dazu plötzlich nicht mehr in der Lage. So sehr ich es auch versucht habe, es war einfach vorbei. Die Magie gebrochen, genau im richtigen Augenblick. Wie man das macht? Das weiß ich auch nicht. Darauf muß man wohl vertrauen. Und wissen, daß öfter, als daß es gelingt, es sicherlich danebengeht.

Gerade eben übrigens, als ich die beiden herübergeholt habe, um sie exakt beschreiben zu können, ist es mir auf einmal wieder gelungen. Jetzt stehen sie da, neben meinem Bildschirm, wie zuletzt vor über zehn Jahren. Und bin ich erschrocken, das gebe ich zu.