Archiv für September 2011

Klagenfurter Nachlese (3)

Sonntag, 18. September 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese]

Zwei Texte, die ich vor Wochen schon für meine Nachlesen so zusammengepackt habe, spontan, aus der Erinnerung heraus. Vielleicht, weil der Autor und die Autorin mir so dicht beieinander vorkamen. Vom Alter her, vom Thema. Das schien zu passen, obwohl meine Einteilung nur grob war. Dennoch kommt es nun, wie es besser nicht sein könnte.

Zwei Texte mit eindeutigem, unumstößlichen Ich: Antonia Baum und Leif Randt. Beide Ichs sind jedoch keine Kinder mehr, vielmehr handelt es sich um diese eigenartigen Zwischenwesen, zwischen Kind und Mensch oder was immer aus uns wird, danach. Darüber hinaus, unterschiedlicher könnten zwei Texte wohl nicht sein. Der eine nahezu makellos und gekonnt flach, mit bestechender Präzision. Ein Ich, das quasi neben sich steht, sich fremd ist, ahnungslos und taub. Der andere mit vielen kleinen oder größeren Fehlern, die das Lesen hier und da erschweren. Dafür aber mit einem Ich, das wild und wirr in sich selbst tobt, sich nicht zurechtfindet, dabei aber immer wieder ins Schwarze trifft.

Antonia Baums Text stand ich vor der Nachlese skeptisch gegenüber. Zum einen aufgrund der sehr wach und aufmerksam miterlebten Lesung vor Ort. (Ja, es hat seine Vorteile, im Saal zu sitzen und nicht mit dem Internet herumzuspielen. War das am ersten Tag?) Zum anderen wegen der eher absurden Diskussion im Anschluß, die ich jedoch weit weniger aufmerksam verfolgt habe. Thomas Bernhard wurde erwähnt, das weiß ich noch. Das muß wohl so sein, immerhin findet das alles ja in Österreich statt. Hilfreich war insbesondere diese Diskussion allerdings nicht.

Auch der Text macht es mir nicht leicht, viel zu sehr versucht er, es mir gleich auf der ersten Seite zu besorgen. Außerdem ist da Berlin, ich erkenne es sofort. Ein Berlin, von dem ich immer wieder höre und lese, das ich selbst aber nicht kenne, das ich auch nicht vermisse. Das ist aber nur normal, denn ich bin schon lange keine zwanzig mehr. Und selbst mit zwanzig bin ich niemals nachts durch den Bauch einer Stadt getaumelt, was immer das zu bedeuten haben mag. Alles andere als das.

Danach wird es deutlich besser. Was auf den ersten und vielleicht zweiten Blick wie ein kleines Dorffamiliendesasterchen daherkommt, wird mir beim nachlesen tatsächlich zu einer Tragödie. Leider erst da, und leider bleibt es dennoch häufig schwammig, teilweise fast psychologisierend. »Familien sind übergriffig, …« heißt es da.  Nun gut, das ist nichts Neues, keine großartige Erkenntnis. Aber es muß mal gesagt sein, das stimmt. Außerdem denkt es ein bißchen viel, dieses Ich. Es denkt so vor sich hin, denkt sich nicht immer auf den Punkt dabei. Es schwimmt so herum. Ja, da ist viel Gefühl, und davon verstehe ich nicht viel. Trotzdem weiß ich nicht recht, ob diesem Ich die behauptete Katastrophe abgekauft wird, letztendlich. Vielleicht tue nur ich das, und das erst beim zweiten lesen, weil ich es eben sowieso weiß.

Vom Dorf aus geht es in die Stadt, das ist der natürliche Weg. Ich verstehe, obwohl ich selbst ja gleich in der Stadt geboren bin. In so einer Art Stadt zumindest, kein Vergleich zu Berlin natürlich. Es geht also nach Berlin, was auch sonst. Und da ist dann gleich alles anders und dennoch alles gleich. Ein interessanter Ansatz, denn das ist sehr echt: Alles ist Deko, und alles bleibt Deko, ein Leben lang. Meine Güte, ja! Der Text könnte funktionieren, denn er trägt tatsächlich einen Hauch von Wahrheit in sich. Ich mag das, damit hätte ich nicht gerechnet. Mir gefällt dieses Ich. Es bleibt ganz dicht bei sich, ist immer im Jetzt, das ist gut. Dieses Ich ist lebendig, flexibel, spontan. Dabei nicht konsequent, nicht reflektiert oder abgegrenzt. Sich selbst überhaupt nicht sicher, sondern, im Gegenteil, meistens schwer verwirrt.

Das Ich ist ein Augenblick. Nur so funktioniert es, vielleicht. Wenn auch nicht in bis in den letzten Winkel der Ausführung, jedenfalls nicht in diesem Text. Aber das ist der Ansatz.

Patrick ist mir dann doch allzu klischeegezeichnet, überzeichnet. Jo dagegen schwebt wie eine Art Gottgestalt ein und aus und wieder ein. Selbst das Ich steckt fest im Klischee, und das Selbst ist nur ein Haufen Struktur, aufgemischt mit Wodka und Pillen. Das verstehe ich irgendwann alles nicht mehr so genau. Das mag am Alter liegen, ich sagte es schon. Obwohl ich am Ende dann doch fasziniert bin und auch bleibe von diesem wirren Ich. Und bei dem letzten Satz weiß ich wieder einmal nicht, ob es sich um einen Fehler handelt oder ob es wirklich so sein soll. Denn auf einmal steht da das Verb in der Vergangenheit. Warum nur, warum?

Ganz anders der Text von Leif Randt. Dieses Ich steht neben sich, von Anfang an. Es beschreibt sich selbst wie ein Spiegelbild, es plaziert Worte wie Accessoires in den imaginären Raum. Jaja, alles ist Deko, das Leben wie die Literatur. Das hatten wir schon, das ist ja auch klar. Distanz ist darüber hinaus das Wesen unserer Zeit, sein augenblicklicher Geist sozusagen. Ich verstehe. Und ich langweile mich.

Alles ist so unglaublich glatt und unironisch, daß ich mich auf Seite 7 aus lauter Verzweiflung verlese: Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit. Und so geht es weiter, Seite um Seite, eine schöne, glatte Oberfläche, selbstverständlich im Blocksatz präsentiert. Na gut, bei der Sexszene muß ich dann doch kurz auflachen, das ist immerhin »eine Art Höhepunkt«. Ironisch kann ich das aber immer och nicht finden, eher handelt es sich wiederum um Verzweiflung. Meine persönliche Verzweiflung an diesem sinnfreien Ich. Was soll ich damit anfangen? Was kann man damit erzählen?

Ich weiß es nicht, das wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Aber das Buch ist jüngst erschienen, das habe ich im Literatur-Café gelesen. Schick aufgemacht, fein gesetzt und völlig gefahrlos zu einem Ende geführt.  Denn am Ende bleibt dann ja doch immer alles gut, so ist das Leben. Oder etwa nicht?

Zu guter Letzt heißt es in der Rezension dann noch:

Denn das Schlimmste, was mit diesem Buch passieren könnte, wäre, wenn sein Umschlag Kaffeeflecken bekommen würde.

Tja, dann … Ist ja alles in Ordnung.

Klagenfurter Nachlese (2)

Sonntag, 4. September 2011

Noch einmal kurz zur Verdeutlichung: Ja, ich arbeite die diesjährigen Klagenfurttexte nach. Und ja, ich bin spät dran damit, mehr als nur das. Ich bin absolut out, wie eigentlich immer. Das ist so, ich gebe es unumwunden zu.

Andererseits möchte ich festhalten, daß ich mich keinesfalls als späte Kritikerin versuchen oder gar KollegInnenschelte betreiben möchte. Ich suche lediglich nach einer Antwort, nach einer praktikablen Lösung. Ich weiß nicht, inwieweit das in der 1. Klagenfurter Nachlese bereits deutlich wurde.

Deshalb hier noch einmal: Es geht um das Problem einer Erzählperspektive hin- und herschwankend zwischen einem Kind und dem daraus resultierenden Erwachsenen. Ein kaum lösbares Problem, wie mir nicht erst seit gestern scheint. Ein Knackpunkt, der noch dazu immer wieder dazu verleitet, Autor und Erzähler ebenso unstet zu behandeln und im Zweifel hemmungslos miteinander zu vermengen. Eine häßliche Unart literarischer Betrachtung generell.

Selbstverständlich rede und schreibe ich mich hier mitunter auf genau diese Art irgendwo zwischen Autor, Figur und Text hindurch, im Zweifel auch an allem vorbei. Das scheint einfach unumgänglich zu sein, und natürlich meine ich es nicht so, sondern jedesmal irgendwie anders. Ein bißchen ist das wohl die Klagenfurtnote. Ich bitte vorab um Verzeihung.

Weiter also mit dem Text von Gunther Geltinger, der vor Ort gleich als erstes präsentiert wurde. Ich war pünktlich, aber nicht früh genug dort, deshalb hockte ich im Saal ganz am Rand auf der Treppe. Die vielen ausführlichen Außenbeschreibungen der privaten Randständigkeit, der Moorlandschaft also, sind an mir vorbeigerauscht. Mitbekommen habe ich vor allem die Geschichte des Jungen und seiner Mutter, diese eine Nacht. Kalt gelassen hat mich das nicht, auf keinen Fall. Die Kälte, die Einsamkeit, der plötzliche Abgrund im ohnehin schleichenden Schrecken. Dennoch blieb ich skeptisch, ich weiß nicht warum. Wegen ein paar mißglückter Ausdrücke? Wegen einiger Sätze, die Tiefe andeuten, aber bei mir zunächst nur Schmunzeln hervorriefen? Wegen der ganz offensichtlich unscharfen Position eines Ich-Erzählers im Nebel?

Beim Nachlesen verwirren mich zunächst eben diese Beschreibungen und die darin versteckten Andeutungen, die ich nicht verstehe. Wieso wird Stille zur Bewegung? Und wie wird sie das? Was ist ein Sommerversprechen? Was macht es da, völlig verloren und von allem losgelöst, gleich zu Beginn in der Geschichte? Und zuletzt noch das Klagen einer Krähe? Das ist mir vertraut, das habe ich schließlich auch hier, am frühen Morgen vor meinem Schlafzimmerfenster. Oder sind das Elstern, die da singen? Egal. Mit Krähen jedenfalls ergibt es eine hübsche Alliteration, doch erkennen kann ich es dennoch nicht. Ich habe keine Ahnung, was damit gesagt sein soll. Und ich habe keine Möglichkeit, es herauszufinden. Mir ist, als sei alles das als selbstverständlich vorausgesetzt. Das Moor und das, was Kinder dort machen. Wie sie leben und erleben. Als müßte ich das wissen, sowieso, weil eben alle es wissen. Doch für mich bleibt es leer, einfach nur Sprachschmuck, weiter nichts. Und das kann doch nicht sein.

Gleich im zweiten Abschnitt erhellt sich mir allerdings ein wichtiger Aspekt in Bezug auf meine oben vorgestellte Grundfrage. »So erinnere ich es heute …« steht dort. Das ist der Moment, ganz klar, in dem sich das Erzählerich teilt, unwiderruflich, in den Jungen von früher und den Erwachsenen von heute. Das ist eindeutig, das verstehe ich sofort. Das ist der erste „Fehler“. Später gibt es weitere Einlassungen: »… Striche auf einer Skizze zu einem Bild, das ich nun zu Ende bringen muss …« oder »Doch das wusste ich damals noch nicht und kann es heute nur behaupten.« (ff) Damit ist meine Problematik mit einer derart gespaltenen Erzählsituation mehr als deutlich angerissen. Besonders für den letzten Satz bin ich nahezu dankbar, denn in ihm liegt die Unmöglichkeit dieser Art des Erzählens. Auf dieser Grundlage kann alles nur Konstruktion und letztendlich Behauptung sein. Nicht aber Leben, nicht einmal erfundenes Leben.

»Erinnerungssucht.« Noch so ein Schlüsselwort im Text, wie für mich gemacht. Wunderbar gelungen, und auch das bringt mich weiter auf meiner Suche. Erinnerung ist nichts Starres, das ist mir bekannt. Erinnerung verändert sich. Ein Erzähler, der sich an einer einzig gültigen Wahrheit versucht, ist somit tatsächlich eher ein Träumer, ein Phantast. Mehr, als er es sich selbst zuzugeben in der Lage wäre. Vielleicht schwimmt deshalb dieses schwammige Gefühl, diese Unklarheit durch den Text. Weil es anders unter dieses Voraussetzungen gar nicht sein kann. Weil es echte Erinnerung nicht gibt.

Versucht habe ich es schließlich auch schon, ich weiß gar nicht wie oft. Das Kind, das ich war. So steht es irgendwo in einem meiner verworfenen Manuskripte, und es ist so oder so ähnlich, wie ich inzwischen weiß, ein Titel von Peter Wawerzinek, dem Sieger des letzten Klagenfurtjahrgangs. Aber es geht nicht mehr, ich kann so nicht mehr schreiben. Es führt zu nichts. Es endet immer im Kitsch, ohne daß ich es selbst rechtzeitig merke. Und auch dieser titellose Geltingertext – ein Romanauszug, was sonst? – mündet mit seinem letzten Satz in dem, was ich neulich schon Kinderkitsch genannt habe. Denn niemand nimmt jemals Rücksicht auf die Träume der schlafenden Kinder. Das denkt nur der Erwachsene, der das Kind, das er selbst einmal war, von den anderen abzugrenzen versucht. Und das ist keine Lösung.

Nina Bußmann dagegen macht alles ganz anders. Sie macht es besser, soviel gleich vorneweg. Doch sie wendet einen einfachen Trick an, sie benutzt einfach kein Ich. Von daher fällt der Text eigentlich heraus aus meiner Suche, denn er kann mir keine Hilfe sein. Obwohl auch diese Erzählperspektive ganz nah an einer der beiden Hauptfiguren (Schramm) ist, kriecht sie zu keiner Zeit völlig in sie hinein. Außerdem sind beide Hauptfiguren männlich, so kann es auch kein Vertun in Bezug auf die Autorin geben. Auf die Art ist eben alles wesentlich einfacher.

Dennoch muß ich sagen ist es ausgezeichnet, wie Bußmann die verschiedenen Zeitebenen mitunter in einem einzigen Satz ineinander übergehen läßt, ohne daß man beim Lesen die Orientierung verliert. Da ist nichts spekuliert, nichts ungenau oder metaphernverhangen. Alles liegt klar auf der Hand, ist sauber gefegt und geharkt, wie Schramms Garten vermutlich. Dennoch ist im Grunde nichts eindeutig. Diese Geschichte lebt von ihren Leerstellen, und wie sie davon lebt. Kein Kitsch und keine Moral. So hab ich es gern.

Warum von der Jury gleich zu Beginn das Stichwort Übergriff in den Raum geworfen wurde, ist mir ein Rätsel. Warum muß denn alles immer in der klassischen Opfer-Täter-Struktur erzählt werden? Als bestünde die Welt daraus. Das tut sie nicht, und ich sehe und lese in dem Text auch nichts davon. Aber ich lese viel anderes. Ich spüre das Schicksalhafte, das beinah Archaische in der Verstrickung zwischen Schramm und Waidschmidt. Die beiden sind irgendwie eins, oder sie werden es von Seite zu Seite immer mehr. Obwohl sie sich niemals erreichen werden, denn sie sind von grundlegend unterschiedlicher Zeit. Doch da ist keine Einseitigkeit, kein Opfer-Täter-Geschehen. Da ist nichts Übergriffiges, nichts Mißbräuchliches oder dergleichen. Wenn überhaupt ist es eine wechselseitige Abhängigkeit, ein gegenseitiges Bedingen. Nahezu ausweglos, vielleicht fatal vielleicht, ja. Aber vor allem ist es echt.

Ach, ich wünschte, ich hätte vor Ort mehr von dem Vortrag mitbekommen. Leider hockte ich schniefend im Café auf dem Boden, daddelte mit meinem Netbook herum und schaute und hörte nur wenig hin. Ich weiß nicht wieso, im Nachhinein betrachtet war das schön blöd. Aber alles mitkriegen kann man in Klagenfurt nicht, ob mit oder ohne Rotzkopf. Ich jedenfalls kann es nicht, habe ich festgestellt. Soviel Kapazität steht mir nicht zur Verfügung. Leider.