Klagenfurter Nachlese (3)

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese]

Zwei Texte, die ich vor Wochen schon für meine Nachlesen so zusammengepackt habe, spontan, aus der Erinnerung heraus. Vielleicht, weil der Autor und die Autorin mir so dicht beieinander vorkamen. Vom Alter her, vom Thema. Das schien zu passen, obwohl meine Einteilung nur grob war. Dennoch kommt es nun, wie es besser nicht sein könnte.

Zwei Texte mit eindeutigem, unumstößlichen Ich: Antonia Baum und Leif Randt. Beide Ichs sind jedoch keine Kinder mehr, vielmehr handelt es sich um diese eigenartigen Zwischenwesen, zwischen Kind und Mensch oder was immer aus uns wird, danach. Darüber hinaus, unterschiedlicher könnten zwei Texte wohl nicht sein. Der eine nahezu makellos und gekonnt flach, mit bestechender Präzision. Ein Ich, das quasi neben sich steht, sich fremd ist, ahnungslos und taub. Der andere mit vielen kleinen oder größeren Fehlern, die das Lesen hier und da erschweren. Dafür aber mit einem Ich, das wild und wirr in sich selbst tobt, sich nicht zurechtfindet, dabei aber immer wieder ins Schwarze trifft.

Antonia Baums Text stand ich vor der Nachlese skeptisch gegenüber. Zum einen aufgrund der sehr wach und aufmerksam miterlebten Lesung vor Ort. (Ja, es hat seine Vorteile, im Saal zu sitzen und nicht mit dem Internet herumzuspielen. War das am ersten Tag?) Zum anderen wegen der eher absurden Diskussion im Anschluß, die ich jedoch weit weniger aufmerksam verfolgt habe. Thomas Bernhard wurde erwähnt, das weiß ich noch. Das muß wohl so sein, immerhin findet das alles ja in Österreich statt. Hilfreich war insbesondere diese Diskussion allerdings nicht.

Auch der Text macht es mir nicht leicht, viel zu sehr versucht er, es mir gleich auf der ersten Seite zu besorgen. Außerdem ist da Berlin, ich erkenne es sofort. Ein Berlin, von dem ich immer wieder höre und lese, das ich selbst aber nicht kenne, das ich auch nicht vermisse. Das ist aber nur normal, denn ich bin schon lange keine zwanzig mehr. Und selbst mit zwanzig bin ich niemals nachts durch den Bauch einer Stadt getaumelt, was immer das zu bedeuten haben mag. Alles andere als das.

Danach wird es deutlich besser. Was auf den ersten und vielleicht zweiten Blick wie ein kleines Dorffamiliendesasterchen daherkommt, wird mir beim nachlesen tatsächlich zu einer Tragödie. Leider erst da, und leider bleibt es dennoch häufig schwammig, teilweise fast psychologisierend. »Familien sind übergriffig, …« heißt es da.  Nun gut, das ist nichts Neues, keine großartige Erkenntnis. Aber es muß mal gesagt sein, das stimmt. Außerdem denkt es ein bißchen viel, dieses Ich. Es denkt so vor sich hin, denkt sich nicht immer auf den Punkt dabei. Es schwimmt so herum. Ja, da ist viel Gefühl, und davon verstehe ich nicht viel. Trotzdem weiß ich nicht recht, ob diesem Ich die behauptete Katastrophe abgekauft wird, letztendlich. Vielleicht tue nur ich das, und das erst beim zweiten lesen, weil ich es eben sowieso weiß.

Vom Dorf aus geht es in die Stadt, das ist der natürliche Weg. Ich verstehe, obwohl ich selbst ja gleich in der Stadt geboren bin. In so einer Art Stadt zumindest, kein Vergleich zu Berlin natürlich. Es geht also nach Berlin, was auch sonst. Und da ist dann gleich alles anders und dennoch alles gleich. Ein interessanter Ansatz, denn das ist sehr echt: Alles ist Deko, und alles bleibt Deko, ein Leben lang. Meine Güte, ja! Der Text könnte funktionieren, denn er trägt tatsächlich einen Hauch von Wahrheit in sich. Ich mag das, damit hätte ich nicht gerechnet. Mir gefällt dieses Ich. Es bleibt ganz dicht bei sich, ist immer im Jetzt, das ist gut. Dieses Ich ist lebendig, flexibel, spontan. Dabei nicht konsequent, nicht reflektiert oder abgegrenzt. Sich selbst überhaupt nicht sicher, sondern, im Gegenteil, meistens schwer verwirrt.

Das Ich ist ein Augenblick. Nur so funktioniert es, vielleicht. Wenn auch nicht in bis in den letzten Winkel der Ausführung, jedenfalls nicht in diesem Text. Aber das ist der Ansatz.

Patrick ist mir dann doch allzu klischeegezeichnet, überzeichnet. Jo dagegen schwebt wie eine Art Gottgestalt ein und aus und wieder ein. Selbst das Ich steckt fest im Klischee, und das Selbst ist nur ein Haufen Struktur, aufgemischt mit Wodka und Pillen. Das verstehe ich irgendwann alles nicht mehr so genau. Das mag am Alter liegen, ich sagte es schon. Obwohl ich am Ende dann doch fasziniert bin und auch bleibe von diesem wirren Ich. Und bei dem letzten Satz weiß ich wieder einmal nicht, ob es sich um einen Fehler handelt oder ob es wirklich so sein soll. Denn auf einmal steht da das Verb in der Vergangenheit. Warum nur, warum?

Ganz anders der Text von Leif Randt. Dieses Ich steht neben sich, von Anfang an. Es beschreibt sich selbst wie ein Spiegelbild, es plaziert Worte wie Accessoires in den imaginären Raum. Jaja, alles ist Deko, das Leben wie die Literatur. Das hatten wir schon, das ist ja auch klar. Distanz ist darüber hinaus das Wesen unserer Zeit, sein augenblicklicher Geist sozusagen. Ich verstehe. Und ich langweile mich.

Alles ist so unglaublich glatt und unironisch, daß ich mich auf Seite 7 aus lauter Verzweiflung verlese: Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit. Und so geht es weiter, Seite um Seite, eine schöne, glatte Oberfläche, selbstverständlich im Blocksatz präsentiert. Na gut, bei der Sexszene muß ich dann doch kurz auflachen, das ist immerhin »eine Art Höhepunkt«. Ironisch kann ich das aber immer och nicht finden, eher handelt es sich wiederum um Verzweiflung. Meine persönliche Verzweiflung an diesem sinnfreien Ich. Was soll ich damit anfangen? Was kann man damit erzählen?

Ich weiß es nicht, das wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Aber das Buch ist jüngst erschienen, das habe ich im Literatur-Café gelesen. Schick aufgemacht, fein gesetzt und völlig gefahrlos zu einem Ende geführt.  Denn am Ende bleibt dann ja doch immer alles gut, so ist das Leben. Oder etwa nicht?

Zu guter Letzt heißt es in der Rezension dann noch:

Denn das Schlimmste, was mit diesem Buch passieren könnte, wäre, wenn sein Umschlag Kaffeeflecken bekommen würde.

Tja, dann … Ist ja alles in Ordnung.

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