Archiv für Oktober 2011

Klagenfurter Nachlese (4)

Sonntag, 30. Oktober 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese]

Julya Rabinowich und Daniel Wisser, zwei sehr unterschiedliche Texte. Warum habe ich die nur zusammengepackt? Keine Ahnung, irgendeine Intuition. Also mache ich jetzt was daraus.

Die Erdfresserin, sprach- und bildgewaltig, verdichtet, nicht nur wegen des einzeiligen Schriftbildes. Gar nicht so schlecht. Außerdem ein klares Ich, ein erzählendes Ich. Ein Ich mit Augen und Ohren, mit Geruch und Geschmack. Und ein Ich, das nicht in der Innensicht gefangen ist. Statt dessen eines, das auch die Welt sieht, die Wohnung zumindest. Ich mag dieses Ich, ich liebe es nahezu. Vielleicht ist das die Lösung, einfach nur klassisch erzählen, tief aus einem Ich heraus. Aber heraus eben, nicht hinein.

Hier und da ist die Textdichte vielleicht ein wenig viel. Ob ich ein ganzes Buch in dem Stil lesen wollen würde? Vermutlich eher nicht, da würde ich mir ein wenig mehr Tempowechsel wünschen. Oder zumindest mehr Zeilenabstand. Wobei mir natürlich wieder einmal ist mir nicht klar, ob es sich um einen Auszug handelt oder nicht.

Bei aller Schönheit läßt mich der Text also eher ratlos. Obwohl es der erste ist, der mich an die Bachmann denken läßt, immerhin. An Malina sogar, die Schlußpassage. Auch eine Wohnung, auch ein Innenleben, das dennoch nach außen strebt, bis zuletzt. Obwohl es dort natürlich Wechsel gibt, Dialoge und Erzählpassagen, Briefe und sogar Noten. Überhaupt frage ich mich, warum diese Texte alle so bieder daherkommen. Also zumindest optisch und strukturell so unglaublich bieder, beinah altmodisch. Wo doch Malina inzwischen tatsächlich 40 Jahre alt ist.

Mit Standby habe ich mich vergriffen, darin gibt es gar kein Ich. Es handelt sich vielmehr um eine Art Er, ein passiver Er noch dazu. Also eigentlich mehr ein Man, besser noch: ein passiver Mann. Eigenartig, aber egal. Vielleicht bringt es ja genau das.

Gepackt hat mich der Text schon beim Zuhören, gleich in er ersten Zeile. Der »Augenkopfschmerz«, wie ich das kenne. Bald danach verliert mich die Story allerdings. Der Mann halt, ein passiver Mann mit größtmöglicher Selbstdistanz. Obwohl er ein Pedant ist und ein Korinthenkacker noch dazu, leidenschaftslos und arm. Wie ich das kenne. Also dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil. Trotzdem. Fürchterlich. Vielleicht weil ich das so gut kenne. An dem Punkt gebe ich auf, das wird mir zu persönlich. Da blicke ich also nicht wirklich durch, und das ist meine Schuld.

Bleibt die Frage, ob Dritte Person Passiv eine Lösung sein könnte. Oder einfach nur sperrig. Und langweilig. Spontan schüttelt es mich ja dabei, und nicht nur mit dem Kopf. Schade.