Archiv für März 2012

Klagenfurter Nachlese (5)

Samstag, 31. März 2012

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese, 4. Klagenfurter Nachlese]

Ich bin spät, sehr spät, ich weiß. Aber zwei Texte lagen da noch, die ganze Zeit, und warteten, vorausgewählt, auf ihre Bearbeitung. Ich räume so etwas ja nicht weg, grabe es unter und vergesse es einfach. Das kann ich nicht.  Auch wenn eine solche Nachlese inzwischen albern wirken mag, ist doch der kommende Klagenfurtsommer längst gebucht.

Heute ist also der Beitrag zunächst von Anna Maria Praßler an der Reihe, von dem ich nur noch erinnere, daß viel Berlin darin vorkommt. Tempelhof, Prenzlauer Berg, das Schwarze Cafe, sogar Buckow und Steglitz, also ein bißchen was für alle. Mehr weiß ich auf Anhieb nicht mehr, aber es ist ja auch schon eine ziemliche Weile her. Beim Anlesen fällt mir dann auch gleich wieder ein, daß es um einen Tod geht.

Eigentlich ein Thema, das mich interessiert. Sehr sogar, aber im Text reißt mich dann leider wenig. Der Tod, um den es geht, ist komplett ausgeblendet. Sogar die Beerdigung. Im Grunde ist es so,  als wäre er gar nicht passiert. Gut, vielleicht ist das das Thema, und ich liege einfach falsch mit meinen Erwartungen. Erwartungen sind schlimme Biester. Es gibt dazu einen herausragenden Satz im Text: … seine Erwartungen brachten mich gegen ihn auf. Also Vorsicht! Aber auch der Stil schiebt mich nicht langsam aber sicher in die richtige Richtung, sondern dreht mich eher zielsicher aus meinem Grundinteresse heraus. Inhaltlich gibt es nur Fetzen von Gegenwart und Vergangenheit, was ja an sich gar nicht schlecht wäre. Doch das kommt so unzusammenhängend daher, so wahllos. (Sicher ein Romanauszug.) Ich langweile mich, so schlecht hatte ich den Text gar nicht in Erinnerung.

Und auch ob da nun ein ICH spricht oder ein ER, eine SIE, ein ES womöglich, das ist vollkommen egal. Das könnte man ohne großen Aufwand in ein paar Minuten in die dritte Person hinüberschreiben. Und es wäre größtenteils der gleiche Text, die gleiche Stimmung, die gleiche Langeweile. Ich zucke mit den Achseln und lese fertig, bleibe dann ratlos zurück. Schade.

Zuletzt also Steffen Popp, so hatte ich das vorgesehen und zurechtgelegt, vor ein paar Monaten. Ich weiß nicht mehr, wieso genau so. Aber jetzt ist es das eben. Der letzte Text. An ihn erinnere ich mich übrigens genau. Oder besser gesagt, ich erinnere mich kein bißchen an den Text, wohl aber an den fürchterlichen Vortrag. Diese gruselige Art zu Lesen soll Absicht sein, hat mir später jemand gesteckt. Damit alle Konzentration den Worten zukommt und nicht etwa dem Vortrag. Oder so ähnlich. Als ließe sich das trennen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Bei mir hat es auf jeden Fall nicht funktioniert, im Gegenteil. Es hat mir den Text versperrt. Und zwar völlig.

Ich lese ihn also heute wie zum ersten Mal, obwohl ich bereits jedes Wort gehört haben muß. Und ich bin überaus angetan, das mal gleich vorneweg. Er ist das glatte Gegenteil von dem vorherigen: reich und elegant, vielschichtig und gebrochen, dabei hier und da, bei aller winterlichen Düsternis, sogar zum Grinsen. Faszinierend, vielleicht auf die lange Strecke ein klein wenig zu deskriptiv, aber die Luft hat mich letztendlich dann doch nicht verlassen. Zum Ende hin steht da ein Bild wie ein Mosaik, vermutlich unvollständig, weil ich bestimmt nicht immer aufmerksam genug gelesen, gesehen, geschaut habe. Weil natürlich nicht alles fest in den Text genagelt ist. Da sind Brüche und offene Enden überall.  Da ist viel Luft, viel Platz für Hirn. Und von all dem schwingt mir ständig etwas in die eigene Unschärfe. Das ist wirklich gut.

Ein ICH gibt es übrigens auch im Text. Da war ich mir ja zunächst überhaupt nicht sicher, so wenig, wie ich vor Ort von dem Text mitbekommen habe. Ich hatte einfach keine Ahnung. Aber es gibt ein ICH, wenn auch sehr uneindeutig und verschwommen, wie das Wetter. Ein ICH, das nicht „ich“ zu sich sagt, sondern „du“. Vielleicht. Ganz sicher bin ich nicht. Möglicherweise benennt dieses ICH sich selbst auch überhaupt nicht, und das erwähnte DU ist noch ein anderes. Was auch immer? Wer weiß? Doch da ist ein  ICH, ohne jeden Zweifel. Es sammelt und sieht und sagt und denkt sich etwas. Vielleicht schreibt es sogar. Es erscheint nur ebenso verschattet wie diese Dorfgeschichte insgesamt betrachtet nur eine Spur ist. Das ist ein Umgang mit dem ICH, der mir sehr gefällt. Ebenso reduziert wie dennoch auch präsent.

Und das paßt, das ist ein guter Abschluß.