Archiv für Dezember 2012

Vom Glück der Sprache

Montag, 31. Dezember 2012

Immer noch bei der Arbeit, tief verstrickt und schier blind. Blindheit gehört dazu, Unübersicht und möglicherweise sogar Verklärtheit. Das geht vorbei, zum Glück. So soll es sein, beim Schreiben. Die Hoffnung bleibt.

Von wegen Glück. Neulich hat mich mitten im Text ein Tweet zu einer spontanen Reaktion herausgefordert. Sprache schafft Realität, stand da. Was für ein machtvoller Satz, und dennoch mochte ich widersprechen. zum glück nicht besonders nachhaltig, schrieb ich dazu, mehr so aus dem Handgelenk und ohne groß nachzudenken. Natürlich gab es auch darauf sofort Widerspruch. Fundiert, wie ich finde, denn beim anschließenden Nachdenken mußte ich der fatalen Nachhaltigkeit von Sprache einfach nur zustimmen. (Zum Nachlesen bitte hier entlang.)

Trotzdem stehe ich zu meiner Spontanreaktion, die sich doch im Grunde kaum halten läßt. Und ich weiß nicht recht, warum eigentlich. Im Kopf hatte ich dabei den Unterschied zwischen verbaler und physischer Gewaltanwendung. Beides ist mir bekannt. Ich weiß genau, wie nachhaltig die dummen Sätze anderer in den Ohren klingen. Und nicht nur da, bis ins Gemüt kriecht die Verachtung, nachlässig in ein paar Worte gefaßt. Das hat mich viel im Leben gekostet. Es gab Zeiten, da habe ich um die Stabilität meines Verstandes gefürchtet. Zum Glück grundlos, die Kraft hat gereicht. Immer. Mein Leben ist trotz allem nie zerbröselt. Um meine physische Existenz dagegen hatte ich keine Sorge. Die physischen Zumutungen waren später auch wesentlich leichter zu übergehen, zu verzeihen sogar. Der Ursprung meiner eigenartig unzutreffenden Reaktion auf den Tweet liegt also womöglich in dem vagen Wissen darum, wie nachhaltig eine physische Bedrohung wirken könnte. Und in der Erleichterung darüber, so etwas persönlich nur aus einer relativen Ferne zu kennen.

Weshalb meine Sprache frei geblieben ist. Frei, zu tun, was sie will. Mal das Richtige, mal das Falsche. Vor allem aber das Widersprüchliche.

Sprache und Wahrnehmung waren meine Rettung. Beides ist an sich beweglich, wandelbar und überraschend. Beides schafft die Realität ebenso, wie sie die vorgefundene Realität abbildet. Das kann gut sein oder von Übel, das ist eine Frage der Betrachtung und eine der Handhabung. In dieser Vielschichtigkeit liegt die Möglichkeit zur Gestaltung, zur Kunst. Und damit die Magie der Veränderung der Welt. Der eigenen zumindest, das auf jeden Fall. Das will ich gerne bestätigen.