Sätze bohren und Löcher bauen

Eigentlich bin ich ja Handwerkerin, genauer gesagt Dekorateurin. Oder, wie es inzwischen ganz wunderbar heißt, Gestalterin für visuelles Marketing. Es ist nicht das erste Mal, daß ich das erwähne, aber ich tue das bestimmt nicht nur, weil ich mich ganz gern mal offensiv als Proletengesocks darstelle. (Das aber durchaus auch, das muß ich wohl zugeben.) Vor allem fällt es mir immer wieder auf, wie gut das Handwerk des Schreibens mit den vielen verschiedenen Handwerken der Dinge zusammengeht. Vielleicht ist das ja nur bei mir so, keine Ahnung. Aber selten fühle ich vollständiger und bin ich glücklicher im Leben als in Zeiten intensiven Schreibens. Außer, man drückt mir einen Hobel, eine Säge und einen Akkuschrauber in die Hand und läßt mich irgend etwas bauen.

Heute zum Beispiel habe ich sechs Löcher in die Badezimmerwand gebohrt, um zwei Regalbretter daran zu befestigen. Endlich, nach sicher sechs Wochen Verzögerung. (Ja, Prokrastination ist in jedem Gewerk ein Thema.) Sechs Löcher sind überhaupt kein Problem. Ich besitze einen Akkubohrer und eine uralte orange Schlagbohrmaschine mit dem schönen Namen »Bullcraft«, außerdem unzählige Bohreinsätze, »Böhrchen«, wie mein Opa zu sagen pflegte, diverse Dübel, Schrauben, Schraubendreher und Akkuschrauber. Alles da.

Aber Löcher in Altbauwände bohren, man weiß ja, wie sich das entwickeln kann. Es kommt vor, daß erst jede Menge Putz rieselt, vorzugsweise mindestens die Hälfte davon hinter die Tapete, dann der rote Ziegelstaub, der alles versaut, und am Ende ist das Loch faustgroß und taugt für gar nichts. Aber ich weiß natürlich, was ich tue. Es gibt richtiges und falsches Werkzeug, und es gibt das Material, was man richtig einschätzen muß. So sind die Regeln, ganz einfach.

Es kommt aber auch und vor allem auf das Zusammenspiel an. Nur einmal habe ich die Schlagbohrmaschine benutzt, der Rest ging ohne Probleme mit dem frisch geladenen Akkubohrer. In den meisten Fällen bin ich die Wand übrigens mit einem Metallbohreinsatz angegangen. Es handelt sich um eine dünne, nichttragende Zwischenwand aus einem häßlichen grauen Zeug, das als Staub scheußlich schmiert. Es darf also nicht naß werden, das geht nie wieder weg.  Blöde Sache, aber dafür ist das graue Zeug ziemlich weich. Das ist gut. Außerdem ist es natürlich immer eine gute Idee, zunächst das »Böhrchen« in einer Nummer zu klein zu benutzen, weiten kann man die Bohrstelle später immer noch. Umgekehrt dagegen sind Rettungsversuche ungleich schwerer. Zwar ist mir auch das Flickwerk unter Zuhilfenahme von Streichhölzern oder Zahnstochern geläufig, aber besser ist es allemal ohne das.

Die Regeln allerdings sind anders, soweit ich weiß.

Mit dem Schreiben ist es ähnlich. Es ist wie Löcher bohren, wie Bauen im Grunde. Es gibt viel graues Zeug und unendliche Möglichkeiten, die Dinge zusammenzubringen. Werkzeug und Material und das Zusammenspiel von beidem. Doch man muß sorgfältig wählen und abwägen, jedes Mal aufs Neue, damit die Löcher nicht versehentlich zu groß werden und es nicht an allen Ecken und Enden Putz rieselt oder anderer Dreck sich ausbreitet. Regeln sind schön und gut und wichtig. Natürlich sind sie das. Vor allem dann, wenn sie mit größtem Respekt ignoriert werden.

Wiederholungen beispielsweise sind aktuell beinah ähnlich verpönt, wie die Verwendung von Adjektiven und Adverbien es schon viel zu lange ist. Nahezu alle Adjektiven und Adverbien scheinen des Teufels. Wer aber beim Schreiben vollständig darauf verzichtet, verzichtet eben auch auf Farbe. Soviel steht fest. Und was Wiederholungen angeht, wer die grundsätzlich vermeidet, bringt sich um die Erfahrung der Variante. So einfach ist das.

Warum also nicht mal mit dem Metallbohrer in die Wand. Klappt öfter als man denkt.

Ach ja, das Bauen. Häuser und Brücken und Bücher. Mek hat neulich auf seine ganz eigene Art erwähnt, wie er diese Dinge zelebriert. Wenn ich nicht so alt wäre, wie ich nun mal alt bin, dann würde ich vielleicht über eine Umschulung nachdenken, die mich zukünftig auf Baustellen beheimaten würde. Tja, zu spät. Möglichkeiten hätte es ja gegeben, damals, vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Bleibt also nur das Schreiben und das gelegentliche Löcherbohren zum Glücklichsein.

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