Archiv für die Kategorie „Schreiben III /Praxis“

Schreiben, überschreiben

Mittwoch, 30. Oktober 2013

All die schönen Bücher und Theorien über das Schreiben. Auch in meinen Regalen stehen sie, hübsch aufgereiht, mit Notizen und Klebern versehen, immer wieder greife ich danach. Ja, ich liebe sie.

Aber sie haben ihre Grenzen, alle. Und in letzter Zeit frage ich mich, welchen Sinn es hat, in diesem Blog noch mehr Geschreibe über das Schreiben zu hinterlassen. Hübsch aufgereiht, gerne einmal betrachtet, aber letztendlich doch nicht hilfreich, wenn es darum geht, es zu tun: das Schreiben.

Ich denke, ich mache hier mal eine Weile Pause und denke darüber nach. (Obwohl da noch einiges im Hintergrund schlummert.)

Das flüchtige Ich

Freitag, 31. August 2012

Schon einige Male habe ich mich in diesem Blog mit dem Ich beschäftigt, das bleibt beim Schreiben über das Schreiben zwangsläufig nicht aus. Welche Rolle beispielsweise kann das Ich beim autobiographischen Schreiben spielen, welche wird es spielen oder gar spielen müssen. Und wie sieht es mit dem real vorhandenen Ich aus,  das – wenn alles gut ist und das ist es –  meine Person ausmacht und meinen Alltag strukturiert.

Das Ich also ist immer ein Thema, im Leben wie im Schreiben. Was aber ist dieses Ich. Zur Zeit sitze ich gerade wieder einmal grübelnd davor. Dieses Ich, das ich bin. Oder auch nicht. Was zum Teufel soll das eigentlich? Und was um Himmels Willen will es von mir? Es macht mich mehr als  ratlos, das muß ich zugeben. Es reißt mich aus meiner Zeit derzeit, und es zerreißt mich dabei fast. Ich denke darüber nach, seit Tagen schon, ohne bislang einen tragfähigen Anfang gefunden zu haben. Einen, von dem aus ich mir dieses Ich aufschlüsseln, seine Handlungs- und Funktionsweise erklären könnte. Doch es hilft nichts, es mag sich mir nicht recht erklären.

Vermutlich ist es mein schreibendes Ich, das gerade derart mit mir herumturnt, denn eines scheint inzwischen klar. Dieses Ich, mit dem ich zusammenarbeite, ist nicht wirklich stabil. Es ist in sich flüchtig, jederzeit wandelbar und damit vor allem eines: Es ist immer offen. Und damit ist es genau so, wie ich es zum Schreiben brauche. Mein Alltag allerdings zerbröselt dabei ziemlich, und ich weiß noch nicht, mit welchen Folgen zu rechnen sein könnte.

Viel mehr vermag ich darüber im Moment nicht sagen. Nur eine grobe These hätte ich vielleicht noch im Angebot. Weil es doch im Zusammenhang mit dem schreibenden Ich immer wieder zu der Frage kommt, wie es denn mit der Autobiographie bestellt ist. Es ist die alte Frage nach der faktischen Wahrheit, die keinE AutorIn gerne hört, geschweige denn beantwortet.

Ich behaupte also, daß der einzige Berührungspunkt zwischen dem Ich, welchem auch immer, dem schreibenden Ich vermutlich, und dem Text ausschließlich im Moment des Schreibens selbst liegen könnte. Nur deshalb ist er so wichtig und wahr, dieser Moment. Mir zumindest. Und nur deshalb mag der Text letztendlich wichtig oder wahr sein und bleiben, womöglich. So wichtig wie dieses flüchtige Ich, das einzig und allein dem Schreiben dient, sich im Leben aber kaum zurechtfindet

Ich mag jedoch irren, mag sein.

Rico Beutlichs Roman

Samstag, 29. August 2009

Es gibt Geschreibsel, das ist schwer zu lesen und kaum zu ertragen. Das ist so, weil zum Schreiben schon auch ein wenig Talent, Übung und Arbeit gehört. Manche Menschen können eben einfach besser malen, tanzen oder angeln. Und das sollten sie dann auch tun.

So auch Rico Beutlich aus Dresden:

Kevin-Lukas wachte auf. Und er kuckte aus den Fenster und was er da sah war auch nicht gut, alles voll Regen. Grosse Tropfen, kleine Tropfen und dazu sehr viele mittelgroße Tropfen sind auch da … Ziemlich nass die Sache.

Schlimm. Auch wenn es sich nur um einen Text der „42erAutoren” handelt, die sich die 9 Seiten Stuß ausgedacht hat, um die sogenannten Zuschußverlage zu testen. Ein Unterfangen, das gar nicht so einfach war, sagt zumindest Tom Liehr:

Es ist extrem schwer, schlecht zu schreiben.

Natürlich haben die angefragten Bezahlverlage fast ausnahmslos zugegriffen, das Höchstgebot lag bei über 30.000 Euro. Die der Autor – jawohl! – für die Veröffentlichung hätte berappen müssen. Nachlesen kann man die ganze Story im frisch polierten online Spiegel.

Danach sollte wohl jedem klar sein, was das ist, so ein „Verlag”, der per Kleinanzeige nach Autoren sucht. Ein Unsinn nämlich, die reinste Abzocke. Eine Verlagsvariante, die im Grunde keine ist und deshalb schleunigst aussortiert gehört. Vor allem für all die, die ernsthaft veröffentlichen wollen. Finger weg!

Natürlich gibt es Menschen, die einfach irgendwann ein Büchlein für ihre nächsten Freunde und Verwandten in den Händen halten wollen. Die gesammelten Notizen eines Lebens in zwei oder drei Bänden vielleicht. (Nein, eines reicht nie!) Oder andere, die eine Printversion ihres Blogs herausgeben möchten. Else Buschheuer, die heute leider nur noch twittert, hat es vorgemacht. Ein Buch, das ist eben etwas ganz anderes. Das weiß jeder, auch jeder Blogger.

Immer werden Menschen auf die eine oder andere Art ihre Erinnerungen festhalten wollen, für die Enkel vielleicht oder andere Nachkommen. Bücher spielen dabei seit jeher eine große Rolle. Das ist richtig und wichtig. Die meisten Menschen schreiben aus genau diesem Grund, für absolut nichts sonst. Für keinen Ruhm und kein Geld. Nur für die Geschichte, wie sie sie erlebt haben

Zum Glück gibt ja nun schon lange die vielen Print-on-Demand-Angebote, die für Kleinstauflagen bestens geeignet sind. Das ist solide und billig, zum Teil sogar kostenlos, soweit ich weiß. Und wer Hilfe bei der technischen Abwicklung braucht oder seinen Schreibstil ein klein wenig aufzupolieren gedenkt, bevor es ans Gedruckte geht – dafür gibt es überall Hilfe, die letztendlich wesentlich günstiger kommt als so ein dämlicher Pseudoverlag.

Fiktion – literarisches Lügen

Samstag, 8. November 2008

Was ich neulich in Bezug auf das Bloggen „Lüge” genannt habe, heißt beim narrativen Schreiben „Fiktion“. Dabei ist es im Grunde dasselbe. Die Personen sind erfunden oder aus verschiedenen, real existierenden Individuen zusammengesetzt. Ihre Namen sind geändert, meist sogar komplett ausgedacht. Vieles ist weggelassen. Das ist womöglich das entscheidendste Merkmal. Nicht alles wird erzählt, obwohl es vorhanden ist. Egal ob real oder fiktiv.

Dabei kann alles erfunden werden. Menschen, Maschinen und Orte. Ja, ganze Welten, in denen andere Gesetze, andere Voraussetzungen gelten. Science Fiktion lebt davon, ganz offensichtlich. Aber auch Krimis und selbst Familiendramen basieren darauf. Wichtig ist allerdings, daß diese fiktiven Welten nicht zwangsläufig aufgeschrieben werden müssen. Ganz im Gegenteil. Meistens reicht es, wenn nur wenig davon zur Sprache kommt. Denkbar wäre zum Beispiel ein Text, eine Geschichte also, die ausschließlich in einem leeren Raum stattfindet, nachts, im Dunkeln. Da sitzt ein Mann, ganz allein, mit seinen Welten.  Nichts weiter.

Das stelle ich mir unendlich spannend vor. Unheimlich vielleicht und atemraubend. Spannender zumindest als einen Reisebericht, der so überaus wichtige Informationen wie die farbliche Gestaltung der Tickets und den Preis des Kaffees am Abflughafen beinhaltet. Der anschließend den Flug und die Busfahrt zum Hotel, die Schlüsselübergabe und die Fahrt mit dem Fahrstuhl beschreibt. Außerdem noch die folgenden drei Tage, das Essen, das Wetter, die Ausflüge. Und dann erst den Mord geschehen läßt. Wenn überhaupt.

Die richtige Auswahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die beim Schreiben getroffen werden müssen. Gleich danach kommt die Anordnung, die Montage. Also einfach gesagt die Erzählreihenfolge, die keinesfalls einem chronologischen Ablauf entsprechen muß. Aber dazu später mehr.

Fiktion ist allerdings nicht nur schreiberischer Alltag, sondern auch ein heilsamer Teil des Lebens. Findet zumindest die Autorin Nancy Huston in einem lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau. Bei allen berechtigten Zweifeln, Fiktion kann offensichtlich so etwas Ähnliches wie Hoffnung sein. Die Lüge also, sie ist nicht nur wichtig, sondern auch richtig und gut.

Toll

Samstag, 6. September 2008

Sprache in der Werbung funktioniert ganz einfach. Über ein Waschmittel, das ganz toll ist, wird auf gar keinen Fall behauptet, es sei ein tolles Waschmittel. Dieses Adjektiv gilt es strikt zu vermeiden. Auch das entsprechende Adverb ist grundsätzlich verboten. Ein noch so tolles Waschmittel wäscht also niemals toll, einfach so. Auf die Art funktioniert es nicht. Das wird durchschaut, auf den ersten Blick. Das langweilt.

Statt dessen werden tolle Geschichten erfunden, am besten mit tollen Figuren. Klementine etwa, die wohl nachhaltigste deutsche Waschmittelwerbeikone. Klementine ist um das Produkt herumgeschrieben, alle Aussagen darüber kommen aus ihrem Mund. Das Wort „toll” sagt sie dabei nicht, wenn ich mich recht erinnere. Und wenn doch, ist das auch egal. Es fällt nicht weiter auf. Was gemeint ist, wird dennoch nicht konkret ausgesprochen. Dabei steht es glasklar im Raum. Und das nur, weil die Figur so toll ist.

Beim Schreiben ist es im Grunde dasselbe. Was gemeint ist, wird nicht konkret gesagt. So gut wie niemals. Das Zentrum bleibt leer und wird lediglich umschrieben. Oder noch besser: Der Kern einer Geschichte wird dargestellt, auf erzählerische Art vermittelt. Nur so wird es interessant. Artiges Aufsagen oder gar nahtloses Aufzählen von Fakten ist dabei wenig hilfreich. Sprache ist ein unscharfes Instrument, sie kann und muß interpretiert werden. Auslassungen und Leerstellen bieten dafür Anlaß. Nahezu unverzichtbar sind außerdem gute Figuren. Je differenzierter, desto besser. Ohne das alles wird es schwierig. Und langweilig vor allem.

Allerdings sind Figuren nicht gerade leicht zu erfinden. Wenn sie schlecht sind, bleiben sie leer und klingen zwangsläufig hohl. Dann ist mit ihnen kaum etwas anzufangen. Wenn sie gut sind, machen sie sich innerhalb kürzester Zeit selbständig. Und das war es dann mit dem „Kern einer Geschichte” und seiner Vermittlung. Dann vermittelt sich mitunter etwas, von dem man selbst noch nie gehört hat.

Ein eigenartiges Geschehen, das ist wohl wahr. Gut so!

Zum Thema Werbung bleibt noch zu sagen: Man kann das Waschmittel auch einfach TOLL nennen, das stimmt. „Reinweichen mit TOLL”, würde Klementine dann sagen. Und über die verbesserte Version, gut ein Jahr später, hieße es dann: „SUPERTOLL wäscht porentief”. So geht es natürlich auch.

Aber nur in der Werbung. Beim Schreiben funktioniert das eher selten. Selbst eine Figurennamensgebung auf dem Niveau erweist sich in allzu vielen Fällen als untauglich, um nicht zu sagen total lächerlich. Außer bei Daniel Düsentrieb vielleicht.