Archiv für die Kategorie „Schreiben V /Kunst“

Lyrik ist nichts

Donnerstag, 28. Juni 2012

Die Lyrik, meine heimliche Liebe. Seit fast achtzehn Monaten bemühe ich mich, auf dem Gebiet wieder etwas in Bewegung zu bringen. Für mich, nur für mich. Und ich weiß nicht, warum. Ich ahne nur. Da war einmal eine, die meinte, daß es das wäre es, was ich tun sollte. Ich ahne, daß das stimmt. Doch das ist Jahre her, und ich kann sie nicht mehr fragen, denn sie ist gestorben. Das liegt nun auch schon vor ein paar Jahre zurück.

Lyrik also, ein grundlose, eine sinnlose Liebe. Denn Lyrik will niemand, außer lesen vielleicht. Und schreiben natürlich. Aber niemals kaufen oder gar drucken, auf keinen Fall investieren. Was kostet Lyrik? Wie groß ist ihr Gewicht? Woher stammt sie, aus welcher Grundsuppe? Was ist ihr Tun, ihr Nutzen?

Darauf gibt es keine Antworten. Nein, da ist nichts. Lyrik kommt weitgehend substanzlos daher, deshalb darf sie nicht sein. Und nichts kosten natürlich. Weil sie eigentlich gar nicht ist.

Aber nichts ist nicht nichts*! Merkt euch das.

*nach Roland Barthes

Die Medien, das Chaos und die Grammatik

Mittwoch, 30. Mai 2012

Vor 14 Tagen habe ich mir mal wieder eine Literaturveranstaltung angetan, ich weiß gar nicht so genau, warum eigentlich. Diese hier war es, von der Literaturwerkstatt Berlin und noch anderen hochkarätigen Literaturinstanzen veranstaltet. Viel ist mir nicht in Erinnerung geblieben, das übliche Gestolper durch die sich ach so wandelnde Medienlandschaft, als sei das irgend etwas Neues.

Nein, ist es nicht. Aber wir, hier im Netz, sollten auch nicht den Fehler machen, zu glauben, daß das hier die Welt sei, in der sich von nun alles abspielt. Nein, so ist es ebenfalls nicht. Davon sind wir weit entfernt.

Woran ich mich noch erinnere, mehr so gegen Ende der Diskussion, ist das plötzliche Hochhalten der hohen deutschen Literatur, die irgend etwas mit dem deutschen Volk zu tun haben soll. Oder auch nicht, denn dann war da auch noch die Rede von den vielen Abiturienten hierzulande, die allesamt zutiefst der deutschen Literatur verbunden sind. Als wäre das ein Naturgesetz. Also: 1. Abiturient zu sein und 2. Literatur zu lesen und zu lieben. Gleich beides! So ein Unsinn.

Außerdem war da – natürlich – die Rückbesinnung, das feste Festhalten daran, daß alles schon immer so war. Die historische Finte. Wozu also eine Vermischung, wozu verschiedene Medien, wozu ein Aufbrechen oder einen Aufbruch gar. Wenn das basale Erzählen, die Linearität, überhaupt das Narrative das einzig wahre  Grundelement aller Künste ist. Und immer bleiben wird. Oder so ähnlich.

Am nächsten kam mir da wohl noch Kathrin Passig mit ihrem klugen Postulat, daß wir heute womöglich noch nicht unmöglich wahrnehmen können, was in ein paar hundert Jahren über den Wandel unserer heutigen Zeit resumiert werden wird. Seither frage ich mich, ernsthaft, was wäre wenn. Sich irgendwann einmal nicht mehr nur die schönen bunten Medien wandelten, sondern womöglich die Sprache selbst. Und zwar grundlegend, bis weit hinein in die Grundfesten ihrer tiefen Grammatik*. Was, wenn die Grenzen weich würden, die Zeit und das Erleben darin. Eine Art Zwölftonsprache vielleicht, für den Anfang.

Keine Ahnung, ob es überhaupt möglich ist, diese (vermeintlichen) Gegebenheiten aufzulösen. Aber eines ist doch wohl klar, unsere Sprache (in ihrer artigen Linearität) und unsere Literatur (in ihrer narrativen Schlichtheit) sind letztendlich nur Hilfskonstruktion, mit denen wir uns beständig bemühen, ein paar klare Linien durch das allgegenwärtige Chaos pflügen.

* An dieser Stelle sei eingestanden, daß ich mich weit weniger und außerdem schon seit einer ganzen Weile gar nicht mehr mit diesem komplexen und hochspannenden Thema beschäftigt habe. So mag denn mein Reden als lyrische Einlassung verstanden werden. ;)

Klagenfurt vor Ort

Donnerstag, 30. Juni 2011

In ein paar Tagen ist es soweit, ziemlich genau eine Woche noch, und die literarische Ausnahmezeit des Jahres beginnt. So war es für mich zumindest in den letzten 10 bis 15 Jahren. Im Büro habe ich mir freigenommen, die Uni wurde geschwänzt und wenn alles nichts half, mußte der Videorekorder herhalten. Aber gesehen habe ich immer, alles. Manchmal auch mitten in der Nacht.

Gut, genau genommen war es so eher früher, in den ersten Jahren, in denen ich dabei war. Seit das Internet in Klagenfurt mitspielt, hat sich alles ein wenig geändert. Wie sich ohnehin alles ändert, weniger oder auch mehr, durch das Internet. Die Texte stehen (meistens) rechtzeitig zur Verfügung, man kann zu Hause mitlesen, wie die Juroren und die Zuschauer vor Ort. Es gibt Echtzeitaustausch, Schnellschußwertungen und Twitterspaß am Rande. Jedes Jahr kommt mehr davon hinzu. Das macht Freude, klar. Ich bin auch immer gern dabei gewesen, wenn ich irgendwo dazugefunden habe. Es lenkt aber auch ab, daran kann kein Zweifel bestehen. Vor allem von den Texten. Das ist einfach so, das ist aber auch ganz normal. Denn Zuhören ist eine große Kunst, und Multitasking ist in vielerlei Hinsicht eine Illusion.

In diesem Jahr kann es für mich nur eines geben: Zurück zum Text! Und mehr noch: Zurück ins Leben! Ich werde dort sein, in Klagenfurt, und mir das Ganze mal in echt ansehen.

Ob ich dazu auch ins Internet schreiben werde? Keine Ahnung, mal sehen. Wenn da irgendwo ein WLAN herumliegt, wovon ich eigentlich ausgehe. Vielleicht.

Schreiben ist Denken

Sonntag, 23. November 2008

Wie viele habe ich das Schreiben vor Jahren mit Lyrik begonnen. Oder mit dem, was ich als Dreizehnjährige dafür hielt. Schlecht war das nicht, wenn auch nicht wirklich gut. Das Reimen zumindest habe ich mir schnell abgewöhnt. (Obwohl ich es kann, durchaus.) Das war wohl der entscheidende Schritt. Danach wurde es tiefer. Und dichter. Fast von allein.

Inzwischen aber, das muß ich bekennen, werde ich immer mehr zur Erzählerin. Die Lyrik fliegt mir nur selten noch dazwischen. Damit liebe ich, was mich als Kind schon in seinen Bann gezogen hat. Die Geschichten, in die man abtauchen kann. In denen man sich verliert, über Stunden. Sinnvolle Figuren, die – beinah – in Fleisch und Blut daherkommen. Oder sogar Hirn und Verstand mitbringen, falls erforderlich. Handlungen, die auch jenseits der Struktur tragfähig bleiben. Im Nachsinnen und Weiterträumen.

Das ist altmodisch, ich weiß. Es gibt so viele schöne neue Möglichkeiten zu schreiben, experimentelle Formalien und sprachliche Marotten sind schwer angesagt. Immer wieder, immer noch. Das Internet fügt seinen Teil hinzu und bricht eine „Regel” nach der anderen auf. Das Lineare vor allem verschwindet mehr und mehr, dadurch werden verflochtene Netz- und Denkstrukturen in Texten immer machbarer. Allerdings nicht unbedingt lesbarer, leider. Dennoch ist das eine entscheidende Entwicklung, durchaus auch in Hinsicht auf das Erzählen der  eher „altmodischen” Art.

Denken ist eng mit dem Lügen verbunden, von dem ich neulich sprach. Es ist absolut notwendig, um die Brücken schlagen zu können, die erforderlich sind, damit eine Geschichte standhaft bleibt. Nur gut durchdachte Texte stehen fest und sicher. Was allerdings nicht heißt, daß das Fundament in Beton gegossen werden muß. Oder gar sollte. Filigrane Trägerstrukturen sind nicht nur zeitgemäß, sondern funktionieren auch wesentlich besser. Gerade die Grundstruktur verträgt große Löcher, in denen man verschwinden, in die man sich hineindenken kann. Auf die Art werden auch die „kleinen” Geschichten spannend, die alltäglichen Blogplaudereien zum Beispiel. Verschweigen ist angesagt, andeuten nur und gleich wieder abbrechen. Plötzlich abbiegen in eine unerwartete Richtung, verleugnen und verwirren. Sich (scheinbar) widersprechen. Das alles ist erlaubt und erwünscht. Das sind aktuelle Stilmittel, wichtiger als etwa die verstärkende Wiederholung oder lange deskriptive Passagen.

Derart große Löcher, Haken und Ösen in das Fundament einer Geschichte zu schlagen, sollte jedoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Das ist schwere Arbeit, vergleichbar mit dem freien Schweben im All. Lügen ist kein Herumträumen ohne Zusammenhang. Auch fiktive Welten wollen solide erschaffen, wollen de facto lebensfähig sein. Das tragende Gerüst muß also gut durchdacht und stabil gebaut werden, unter Berücksichtigung aller Wenns und Abers. Denn keinesfalls sollte man in der Hinsicht seine Leser unterschätzen. Die meisten „Fehler” auf diesem Gebiet werden mit Leichtigkeit entlarvt. Auch Dinge, die im Grunde gar keine Fehler sind, werden immer wieder gern zur Diskussion gestellt. Dagegen muß man natürlich die richtigen Argumente parat haben. Insbesondere in Blogs, in denen ja zumeist kommentiert werden kann.

Schreiben ist also Denken, beim Schreiber wie beim Leser. Das vor allem.