Artikel-Schlagworte: „Bachmannpreis“

Vorfreude

Sonntag, 30. Juni 2013

In ein paar Tagen geht es nach Klagenfurt, zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur. Das dritte Mal für mich, und immer ist es anders. Das ist mir bereits klar. Ich bin also aufgeregt, jetzt schon.

Mehr dann danach.

Klagenfurter Nachlese (5)

Samstag, 31. März 2012

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese, 4. Klagenfurter Nachlese]

Ich bin spät, sehr spät, ich weiß. Aber zwei Texte lagen da noch, die ganze Zeit, und warteten, vorausgewählt, auf ihre Bearbeitung. Ich räume so etwas ja nicht weg, grabe es unter und vergesse es einfach. Das kann ich nicht.  Auch wenn eine solche Nachlese inzwischen albern wirken mag, ist doch der kommende Klagenfurtsommer längst gebucht.

Heute ist also der Beitrag zunächst von Anna Maria Praßler an der Reihe, von dem ich nur noch erinnere, daß viel Berlin darin vorkommt. Tempelhof, Prenzlauer Berg, das Schwarze Cafe, sogar Buckow und Steglitz, also ein bißchen was für alle. Mehr weiß ich auf Anhieb nicht mehr, aber es ist ja auch schon eine ziemliche Weile her. Beim Anlesen fällt mir dann auch gleich wieder ein, daß es um einen Tod geht.

Eigentlich ein Thema, das mich interessiert. Sehr sogar, aber im Text reißt mich dann leider wenig. Der Tod, um den es geht, ist komplett ausgeblendet. Sogar die Beerdigung. Im Grunde ist es so,  als wäre er gar nicht passiert. Gut, vielleicht ist das das Thema, und ich liege einfach falsch mit meinen Erwartungen. Erwartungen sind schlimme Biester. Es gibt dazu einen herausragenden Satz im Text: … seine Erwartungen brachten mich gegen ihn auf. Also Vorsicht! Aber auch der Stil schiebt mich nicht langsam aber sicher in die richtige Richtung, sondern dreht mich eher zielsicher aus meinem Grundinteresse heraus. Inhaltlich gibt es nur Fetzen von Gegenwart und Vergangenheit, was ja an sich gar nicht schlecht wäre. Doch das kommt so unzusammenhängend daher, so wahllos. (Sicher ein Romanauszug.) Ich langweile mich, so schlecht hatte ich den Text gar nicht in Erinnerung.

Und auch ob da nun ein ICH spricht oder ein ER, eine SIE, ein ES womöglich, das ist vollkommen egal. Das könnte man ohne großen Aufwand in ein paar Minuten in die dritte Person hinüberschreiben. Und es wäre größtenteils der gleiche Text, die gleiche Stimmung, die gleiche Langeweile. Ich zucke mit den Achseln und lese fertig, bleibe dann ratlos zurück. Schade.

Zuletzt also Steffen Popp, so hatte ich das vorgesehen und zurechtgelegt, vor ein paar Monaten. Ich weiß nicht mehr, wieso genau so. Aber jetzt ist es das eben. Der letzte Text. An ihn erinnere ich mich übrigens genau. Oder besser gesagt, ich erinnere mich kein bißchen an den Text, wohl aber an den fürchterlichen Vortrag. Diese gruselige Art zu Lesen soll Absicht sein, hat mir später jemand gesteckt. Damit alle Konzentration den Worten zukommt und nicht etwa dem Vortrag. Oder so ähnlich. Als ließe sich das trennen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Bei mir hat es auf jeden Fall nicht funktioniert, im Gegenteil. Es hat mir den Text versperrt. Und zwar völlig.

Ich lese ihn also heute wie zum ersten Mal, obwohl ich bereits jedes Wort gehört haben muß. Und ich bin überaus angetan, das mal gleich vorneweg. Er ist das glatte Gegenteil von dem vorherigen: reich und elegant, vielschichtig und gebrochen, dabei hier und da, bei aller winterlichen Düsternis, sogar zum Grinsen. Faszinierend, vielleicht auf die lange Strecke ein klein wenig zu deskriptiv, aber die Luft hat mich letztendlich dann doch nicht verlassen. Zum Ende hin steht da ein Bild wie ein Mosaik, vermutlich unvollständig, weil ich bestimmt nicht immer aufmerksam genug gelesen, gesehen, geschaut habe. Weil natürlich nicht alles fest in den Text genagelt ist. Da sind Brüche und offene Enden überall.  Da ist viel Luft, viel Platz für Hirn. Und von all dem schwingt mir ständig etwas in die eigene Unschärfe. Das ist wirklich gut.

Ein ICH gibt es übrigens auch im Text. Da war ich mir ja zunächst überhaupt nicht sicher, so wenig, wie ich vor Ort von dem Text mitbekommen habe. Ich hatte einfach keine Ahnung. Aber es gibt ein ICH, wenn auch sehr uneindeutig und verschwommen, wie das Wetter. Ein ICH, das nicht „ich“ zu sich sagt, sondern „du“. Vielleicht. Ganz sicher bin ich nicht. Möglicherweise benennt dieses ICH sich selbst auch überhaupt nicht, und das erwähnte DU ist noch ein anderes. Was auch immer? Wer weiß? Doch da ist ein  ICH, ohne jeden Zweifel. Es sammelt und sieht und sagt und denkt sich etwas. Vielleicht schreibt es sogar. Es erscheint nur ebenso verschattet wie diese Dorfgeschichte insgesamt betrachtet nur eine Spur ist. Das ist ein Umgang mit dem ICH, der mir sehr gefällt. Ebenso reduziert wie dennoch auch präsent.

Und das paßt, das ist ein guter Abschluß.

Klagenfurter Nachlese (4)

Sonntag, 30. Oktober 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese]

Julya Rabinowich und Daniel Wisser, zwei sehr unterschiedliche Texte. Warum habe ich die nur zusammengepackt? Keine Ahnung, irgendeine Intuition. Also mache ich jetzt was daraus.

Die Erdfresserin, sprach- und bildgewaltig, verdichtet, nicht nur wegen des einzeiligen Schriftbildes. Gar nicht so schlecht. Außerdem ein klares Ich, ein erzählendes Ich. Ein Ich mit Augen und Ohren, mit Geruch und Geschmack. Und ein Ich, das nicht in der Innensicht gefangen ist. Statt dessen eines, das auch die Welt sieht, die Wohnung zumindest. Ich mag dieses Ich, ich liebe es nahezu. Vielleicht ist das die Lösung, einfach nur klassisch erzählen, tief aus einem Ich heraus. Aber heraus eben, nicht hinein.

Hier und da ist die Textdichte vielleicht ein wenig viel. Ob ich ein ganzes Buch in dem Stil lesen wollen würde? Vermutlich eher nicht, da würde ich mir ein wenig mehr Tempowechsel wünschen. Oder zumindest mehr Zeilenabstand. Wobei mir natürlich wieder einmal ist mir nicht klar, ob es sich um einen Auszug handelt oder nicht.

Bei aller Schönheit läßt mich der Text also eher ratlos. Obwohl es der erste ist, der mich an die Bachmann denken läßt, immerhin. An Malina sogar, die Schlußpassage. Auch eine Wohnung, auch ein Innenleben, das dennoch nach außen strebt, bis zuletzt. Obwohl es dort natürlich Wechsel gibt, Dialoge und Erzählpassagen, Briefe und sogar Noten. Überhaupt frage ich mich, warum diese Texte alle so bieder daherkommen. Also zumindest optisch und strukturell so unglaublich bieder, beinah altmodisch. Wo doch Malina inzwischen tatsächlich 40 Jahre alt ist.

Mit Standby habe ich mich vergriffen, darin gibt es gar kein Ich. Es handelt sich vielmehr um eine Art Er, ein passiver Er noch dazu. Also eigentlich mehr ein Man, besser noch: ein passiver Mann. Eigenartig, aber egal. Vielleicht bringt es ja genau das.

Gepackt hat mich der Text schon beim Zuhören, gleich in er ersten Zeile. Der »Augenkopfschmerz«, wie ich das kenne. Bald danach verliert mich die Story allerdings. Der Mann halt, ein passiver Mann mit größtmöglicher Selbstdistanz. Obwohl er ein Pedant ist und ein Korinthenkacker noch dazu, leidenschaftslos und arm. Wie ich das kenne. Also dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil. Trotzdem. Fürchterlich. Vielleicht weil ich das so gut kenne. An dem Punkt gebe ich auf, das wird mir zu persönlich. Da blicke ich also nicht wirklich durch, und das ist meine Schuld.

Bleibt die Frage, ob Dritte Person Passiv eine Lösung sein könnte. Oder einfach nur sperrig. Und langweilig. Spontan schüttelt es mich ja dabei, und nicht nur mit dem Kopf. Schade.

Klagenfurter Nachlese (3)

Sonntag, 18. September 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese]

Zwei Texte, die ich vor Wochen schon für meine Nachlesen so zusammengepackt habe, spontan, aus der Erinnerung heraus. Vielleicht, weil der Autor und die Autorin mir so dicht beieinander vorkamen. Vom Alter her, vom Thema. Das schien zu passen, obwohl meine Einteilung nur grob war. Dennoch kommt es nun, wie es besser nicht sein könnte.

Zwei Texte mit eindeutigem, unumstößlichen Ich: Antonia Baum und Leif Randt. Beide Ichs sind jedoch keine Kinder mehr, vielmehr handelt es sich um diese eigenartigen Zwischenwesen, zwischen Kind und Mensch oder was immer aus uns wird, danach. Darüber hinaus, unterschiedlicher könnten zwei Texte wohl nicht sein. Der eine nahezu makellos und gekonnt flach, mit bestechender Präzision. Ein Ich, das quasi neben sich steht, sich fremd ist, ahnungslos und taub. Der andere mit vielen kleinen oder größeren Fehlern, die das Lesen hier und da erschweren. Dafür aber mit einem Ich, das wild und wirr in sich selbst tobt, sich nicht zurechtfindet, dabei aber immer wieder ins Schwarze trifft.

Antonia Baums Text stand ich vor der Nachlese skeptisch gegenüber. Zum einen aufgrund der sehr wach und aufmerksam miterlebten Lesung vor Ort. (Ja, es hat seine Vorteile, im Saal zu sitzen und nicht mit dem Internet herumzuspielen. War das am ersten Tag?) Zum anderen wegen der eher absurden Diskussion im Anschluß, die ich jedoch weit weniger aufmerksam verfolgt habe. Thomas Bernhard wurde erwähnt, das weiß ich noch. Das muß wohl so sein, immerhin findet das alles ja in Österreich statt. Hilfreich war insbesondere diese Diskussion allerdings nicht.

Auch der Text macht es mir nicht leicht, viel zu sehr versucht er, es mir gleich auf der ersten Seite zu besorgen. Außerdem ist da Berlin, ich erkenne es sofort. Ein Berlin, von dem ich immer wieder höre und lese, das ich selbst aber nicht kenne, das ich auch nicht vermisse. Das ist aber nur normal, denn ich bin schon lange keine zwanzig mehr. Und selbst mit zwanzig bin ich niemals nachts durch den Bauch einer Stadt getaumelt, was immer das zu bedeuten haben mag. Alles andere als das.

Danach wird es deutlich besser. Was auf den ersten und vielleicht zweiten Blick wie ein kleines Dorffamiliendesasterchen daherkommt, wird mir beim nachlesen tatsächlich zu einer Tragödie. Leider erst da, und leider bleibt es dennoch häufig schwammig, teilweise fast psychologisierend. »Familien sind übergriffig, …« heißt es da.  Nun gut, das ist nichts Neues, keine großartige Erkenntnis. Aber es muß mal gesagt sein, das stimmt. Außerdem denkt es ein bißchen viel, dieses Ich. Es denkt so vor sich hin, denkt sich nicht immer auf den Punkt dabei. Es schwimmt so herum. Ja, da ist viel Gefühl, und davon verstehe ich nicht viel. Trotzdem weiß ich nicht recht, ob diesem Ich die behauptete Katastrophe abgekauft wird, letztendlich. Vielleicht tue nur ich das, und das erst beim zweiten lesen, weil ich es eben sowieso weiß.

Vom Dorf aus geht es in die Stadt, das ist der natürliche Weg. Ich verstehe, obwohl ich selbst ja gleich in der Stadt geboren bin. In so einer Art Stadt zumindest, kein Vergleich zu Berlin natürlich. Es geht also nach Berlin, was auch sonst. Und da ist dann gleich alles anders und dennoch alles gleich. Ein interessanter Ansatz, denn das ist sehr echt: Alles ist Deko, und alles bleibt Deko, ein Leben lang. Meine Güte, ja! Der Text könnte funktionieren, denn er trägt tatsächlich einen Hauch von Wahrheit in sich. Ich mag das, damit hätte ich nicht gerechnet. Mir gefällt dieses Ich. Es bleibt ganz dicht bei sich, ist immer im Jetzt, das ist gut. Dieses Ich ist lebendig, flexibel, spontan. Dabei nicht konsequent, nicht reflektiert oder abgegrenzt. Sich selbst überhaupt nicht sicher, sondern, im Gegenteil, meistens schwer verwirrt.

Das Ich ist ein Augenblick. Nur so funktioniert es, vielleicht. Wenn auch nicht in bis in den letzten Winkel der Ausführung, jedenfalls nicht in diesem Text. Aber das ist der Ansatz.

Patrick ist mir dann doch allzu klischeegezeichnet, überzeichnet. Jo dagegen schwebt wie eine Art Gottgestalt ein und aus und wieder ein. Selbst das Ich steckt fest im Klischee, und das Selbst ist nur ein Haufen Struktur, aufgemischt mit Wodka und Pillen. Das verstehe ich irgendwann alles nicht mehr so genau. Das mag am Alter liegen, ich sagte es schon. Obwohl ich am Ende dann doch fasziniert bin und auch bleibe von diesem wirren Ich. Und bei dem letzten Satz weiß ich wieder einmal nicht, ob es sich um einen Fehler handelt oder ob es wirklich so sein soll. Denn auf einmal steht da das Verb in der Vergangenheit. Warum nur, warum?

Ganz anders der Text von Leif Randt. Dieses Ich steht neben sich, von Anfang an. Es beschreibt sich selbst wie ein Spiegelbild, es plaziert Worte wie Accessoires in den imaginären Raum. Jaja, alles ist Deko, das Leben wie die Literatur. Das hatten wir schon, das ist ja auch klar. Distanz ist darüber hinaus das Wesen unserer Zeit, sein augenblicklicher Geist sozusagen. Ich verstehe. Und ich langweile mich.

Alles ist so unglaublich glatt und unironisch, daß ich mich auf Seite 7 aus lauter Verzweiflung verlese: Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit. Und so geht es weiter, Seite um Seite, eine schöne, glatte Oberfläche, selbstverständlich im Blocksatz präsentiert. Na gut, bei der Sexszene muß ich dann doch kurz auflachen, das ist immerhin »eine Art Höhepunkt«. Ironisch kann ich das aber immer och nicht finden, eher handelt es sich wiederum um Verzweiflung. Meine persönliche Verzweiflung an diesem sinnfreien Ich. Was soll ich damit anfangen? Was kann man damit erzählen?

Ich weiß es nicht, das wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Aber das Buch ist jüngst erschienen, das habe ich im Literatur-Café gelesen. Schick aufgemacht, fein gesetzt und völlig gefahrlos zu einem Ende geführt.  Denn am Ende bleibt dann ja doch immer alles gut, so ist das Leben. Oder etwa nicht?

Zu guter Letzt heißt es in der Rezension dann noch:

Denn das Schlimmste, was mit diesem Buch passieren könnte, wäre, wenn sein Umschlag Kaffeeflecken bekommen würde.

Tja, dann … Ist ja alles in Ordnung.

Klagenfurter Nachlese (2)

Sonntag, 4. September 2011

Noch einmal kurz zur Verdeutlichung: Ja, ich arbeite die diesjährigen Klagenfurttexte nach. Und ja, ich bin spät dran damit, mehr als nur das. Ich bin absolut out, wie eigentlich immer. Das ist so, ich gebe es unumwunden zu.

Andererseits möchte ich festhalten, daß ich mich keinesfalls als späte Kritikerin versuchen oder gar KollegInnenschelte betreiben möchte. Ich suche lediglich nach einer Antwort, nach einer praktikablen Lösung. Ich weiß nicht, inwieweit das in der 1. Klagenfurter Nachlese bereits deutlich wurde.

Deshalb hier noch einmal: Es geht um das Problem einer Erzählperspektive hin- und herschwankend zwischen einem Kind und dem daraus resultierenden Erwachsenen. Ein kaum lösbares Problem, wie mir nicht erst seit gestern scheint. Ein Knackpunkt, der noch dazu immer wieder dazu verleitet, Autor und Erzähler ebenso unstet zu behandeln und im Zweifel hemmungslos miteinander zu vermengen. Eine häßliche Unart literarischer Betrachtung generell.

Selbstverständlich rede und schreibe ich mich hier mitunter auf genau diese Art irgendwo zwischen Autor, Figur und Text hindurch, im Zweifel auch an allem vorbei. Das scheint einfach unumgänglich zu sein, und natürlich meine ich es nicht so, sondern jedesmal irgendwie anders. Ein bißchen ist das wohl die Klagenfurtnote. Ich bitte vorab um Verzeihung.

Weiter also mit dem Text von Gunther Geltinger, der vor Ort gleich als erstes präsentiert wurde. Ich war pünktlich, aber nicht früh genug dort, deshalb hockte ich im Saal ganz am Rand auf der Treppe. Die vielen ausführlichen Außenbeschreibungen der privaten Randständigkeit, der Moorlandschaft also, sind an mir vorbeigerauscht. Mitbekommen habe ich vor allem die Geschichte des Jungen und seiner Mutter, diese eine Nacht. Kalt gelassen hat mich das nicht, auf keinen Fall. Die Kälte, die Einsamkeit, der plötzliche Abgrund im ohnehin schleichenden Schrecken. Dennoch blieb ich skeptisch, ich weiß nicht warum. Wegen ein paar mißglückter Ausdrücke? Wegen einiger Sätze, die Tiefe andeuten, aber bei mir zunächst nur Schmunzeln hervorriefen? Wegen der ganz offensichtlich unscharfen Position eines Ich-Erzählers im Nebel?

Beim Nachlesen verwirren mich zunächst eben diese Beschreibungen und die darin versteckten Andeutungen, die ich nicht verstehe. Wieso wird Stille zur Bewegung? Und wie wird sie das? Was ist ein Sommerversprechen? Was macht es da, völlig verloren und von allem losgelöst, gleich zu Beginn in der Geschichte? Und zuletzt noch das Klagen einer Krähe? Das ist mir vertraut, das habe ich schließlich auch hier, am frühen Morgen vor meinem Schlafzimmerfenster. Oder sind das Elstern, die da singen? Egal. Mit Krähen jedenfalls ergibt es eine hübsche Alliteration, doch erkennen kann ich es dennoch nicht. Ich habe keine Ahnung, was damit gesagt sein soll. Und ich habe keine Möglichkeit, es herauszufinden. Mir ist, als sei alles das als selbstverständlich vorausgesetzt. Das Moor und das, was Kinder dort machen. Wie sie leben und erleben. Als müßte ich das wissen, sowieso, weil eben alle es wissen. Doch für mich bleibt es leer, einfach nur Sprachschmuck, weiter nichts. Und das kann doch nicht sein.

Gleich im zweiten Abschnitt erhellt sich mir allerdings ein wichtiger Aspekt in Bezug auf meine oben vorgestellte Grundfrage. »So erinnere ich es heute …« steht dort. Das ist der Moment, ganz klar, in dem sich das Erzählerich teilt, unwiderruflich, in den Jungen von früher und den Erwachsenen von heute. Das ist eindeutig, das verstehe ich sofort. Das ist der erste „Fehler“. Später gibt es weitere Einlassungen: »… Striche auf einer Skizze zu einem Bild, das ich nun zu Ende bringen muss …« oder »Doch das wusste ich damals noch nicht und kann es heute nur behaupten.« (ff) Damit ist meine Problematik mit einer derart gespaltenen Erzählsituation mehr als deutlich angerissen. Besonders für den letzten Satz bin ich nahezu dankbar, denn in ihm liegt die Unmöglichkeit dieser Art des Erzählens. Auf dieser Grundlage kann alles nur Konstruktion und letztendlich Behauptung sein. Nicht aber Leben, nicht einmal erfundenes Leben.

»Erinnerungssucht.« Noch so ein Schlüsselwort im Text, wie für mich gemacht. Wunderbar gelungen, und auch das bringt mich weiter auf meiner Suche. Erinnerung ist nichts Starres, das ist mir bekannt. Erinnerung verändert sich. Ein Erzähler, der sich an einer einzig gültigen Wahrheit versucht, ist somit tatsächlich eher ein Träumer, ein Phantast. Mehr, als er es sich selbst zuzugeben in der Lage wäre. Vielleicht schwimmt deshalb dieses schwammige Gefühl, diese Unklarheit durch den Text. Weil es anders unter dieses Voraussetzungen gar nicht sein kann. Weil es echte Erinnerung nicht gibt.

Versucht habe ich es schließlich auch schon, ich weiß gar nicht wie oft. Das Kind, das ich war. So steht es irgendwo in einem meiner verworfenen Manuskripte, und es ist so oder so ähnlich, wie ich inzwischen weiß, ein Titel von Peter Wawerzinek, dem Sieger des letzten Klagenfurtjahrgangs. Aber es geht nicht mehr, ich kann so nicht mehr schreiben. Es führt zu nichts. Es endet immer im Kitsch, ohne daß ich es selbst rechtzeitig merke. Und auch dieser titellose Geltingertext – ein Romanauszug, was sonst? – mündet mit seinem letzten Satz in dem, was ich neulich schon Kinderkitsch genannt habe. Denn niemand nimmt jemals Rücksicht auf die Träume der schlafenden Kinder. Das denkt nur der Erwachsene, der das Kind, das er selbst einmal war, von den anderen abzugrenzen versucht. Und das ist keine Lösung.

Nina Bußmann dagegen macht alles ganz anders. Sie macht es besser, soviel gleich vorneweg. Doch sie wendet einen einfachen Trick an, sie benutzt einfach kein Ich. Von daher fällt der Text eigentlich heraus aus meiner Suche, denn er kann mir keine Hilfe sein. Obwohl auch diese Erzählperspektive ganz nah an einer der beiden Hauptfiguren (Schramm) ist, kriecht sie zu keiner Zeit völlig in sie hinein. Außerdem sind beide Hauptfiguren männlich, so kann es auch kein Vertun in Bezug auf die Autorin geben. Auf die Art ist eben alles wesentlich einfacher.

Dennoch muß ich sagen ist es ausgezeichnet, wie Bußmann die verschiedenen Zeitebenen mitunter in einem einzigen Satz ineinander übergehen läßt, ohne daß man beim Lesen die Orientierung verliert. Da ist nichts spekuliert, nichts ungenau oder metaphernverhangen. Alles liegt klar auf der Hand, ist sauber gefegt und geharkt, wie Schramms Garten vermutlich. Dennoch ist im Grunde nichts eindeutig. Diese Geschichte lebt von ihren Leerstellen, und wie sie davon lebt. Kein Kitsch und keine Moral. So hab ich es gern.

Warum von der Jury gleich zu Beginn das Stichwort Übergriff in den Raum geworfen wurde, ist mir ein Rätsel. Warum muß denn alles immer in der klassischen Opfer-Täter-Struktur erzählt werden? Als bestünde die Welt daraus. Das tut sie nicht, und ich sehe und lese in dem Text auch nichts davon. Aber ich lese viel anderes. Ich spüre das Schicksalhafte, das beinah Archaische in der Verstrickung zwischen Schramm und Waidschmidt. Die beiden sind irgendwie eins, oder sie werden es von Seite zu Seite immer mehr. Obwohl sie sich niemals erreichen werden, denn sie sind von grundlegend unterschiedlicher Zeit. Doch da ist keine Einseitigkeit, kein Opfer-Täter-Geschehen. Da ist nichts Übergriffiges, nichts Mißbräuchliches oder dergleichen. Wenn überhaupt ist es eine wechselseitige Abhängigkeit, ein gegenseitiges Bedingen. Nahezu ausweglos, vielleicht fatal vielleicht, ja. Aber vor allem ist es echt.

Ach, ich wünschte, ich hätte vor Ort mehr von dem Vortrag mitbekommen. Leider hockte ich schniefend im Café auf dem Boden, daddelte mit meinem Netbook herum und schaute und hörte nur wenig hin. Ich weiß nicht wieso, im Nachhinein betrachtet war das schön blöd. Aber alles mitkriegen kann man in Klagenfurt nicht, ob mit oder ohne Rotzkopf. Ich jedenfalls kann es nicht, habe ich festgestellt. Soviel Kapazität steht mir nicht zur Verfügung. Leider.

Klagenfurter Nachlese (1)

Mittwoch, 17. August 2011

Andere behaupten ja gern von sich, sie seien eine Schnecke. Das mag stimmen oder auch nicht. Ich hetze ja mehr so umher, für mein Empfinden zumindest. Wenn ich dann allerdings doch einmal alles ausrollen lasse, kommt es mitunter zu einer überraschenden Langsamkeit. So habe ich nun, nach über vier Wochen, endlich damit begonnen, die Klagenfurttexte nachzulesen.

Zunächst einmal teile ich ein und zähle die Texte, die sich im weitesten Sinn mit Familie, also mit Vätern und Müttern und Kindern beschäftigen. Daniel Wisser, Anna Maria Praßler und sogar Steffen Popp zähle ich dazu, weil der Familienkomplex in den Texten irgendwie mitschwingt oder zumindest nicht weit entfernt scheint. Michel Božiković dagegen fällt raus, obwohl der Text vermutlich dazugehört. Ich glaube aber nicht, daß ich den noch einmal lesen möchte. (Aber wer weiß, vielleicht tue ich es am Ende doch und erlebe eine Überraschung.)

Bleiben drei, die nichts mit Kindheit, Familie und Erinnerung und so weiter zu tun haben. Drei von vierzehn. Mir ist ja klar, daß es im Klagenfurt immer so ist. Aber daß es so eindeutig ist, das überrascht mich dann doch.

Ich beginne also mit dem Siegertitel, den ich vor Ort aufgrund einer in der Nacht zuvor spontan einsetzenden Rotzröchelei kaum mitbekommen habe. Ich erinnere mich nur noch, daß ich aus dem Saal flüchten mußte, um fließend und schniefend dort nicht weiter zu stören. Da saß ich dann also in diesem Café auf dem Boden und versuchte, mich auf den großen Bildschirm in der anderen Ecke des Raumes zu konzentrieren. Tatsächlich war ich aber von den massiven Flüssigkeitstransfers im unmittelbaren Hintergrund meines Gesichts, inklusive unvermittelt einsetzenden Tränenflusses, einigermaßen in Beschlag genommen, um nicht zu sagen benebelt. Dementsprechend mies war mein erster und natürlich komplett unmaßgeblicher Eindruck.

Die klassische Themenstruktur Vater, Familie, Vergangenheit waren jedoch auch vor Ort, auch für mich in meiner mißlichen Lage, unüberhörbar vorhanden. Irgendwer hat kurz darauf geschrieben, daß der Text altmodisch und langweilig sei. Möglicherweise war es auch nicht nur einer, vielleicht wurde auch darüber geredet. Ich weiß es nicht mehr. Das Altmodische allerdings bestätigt sich jetzt, beim Nachlesen, nahezu sofort. Viele Beschreibungen, viel Außen, mit womöglich viel Bedeutung darin. Ich weiß es nicht. Aber langweilig finde ich es zunächst überhaupt nicht. Da ist ein Thema, eindeutig, und das ist kein bißchen schlecht. Das hat etwas, auch wenn ich es nicht recht zu fassen kriege. Selbst jetzt nicht, auf meinem Balkon, Wochen später. Und ohne gesundheitliche Beeinträchtigung. Trotzdem verpasse ich leider sämtliche Textstellen, die mir vermitteln sollen, daß es sich bei der Tochter um ein Kind handelt, und so sitzt da für mich zunächst einmal eine erwachsene Tochter hinter ihrem Vater auf dem Motorrad. Ohne Zweifel ist das Blödsinn und inhaltlich durch nichts begründet. Genau so komme ich mir dann auch vor beim Weiterlesen: leicht irritiert und irgendwie blöd.

Die Geschichte wird bodenlos für mich, ich lese haltlos weiter. Wenn ich genau nachschaue, wenn ich danach suche, dann finde ich natürlich die Stellen, die eindeutig auf das Kind hinweisen. Das Kind, das erzählt. Damit habe ich ein Problem, grundsätzlich. Diese kaum zu bewältigende Erzählperspektive, ein Kind sprechen zu lassen. Ein Kind, das erzählt, was erst die Erwachsene, sehr viel später womöglich, in einen Zusammenhang gebracht hat. Ein Kind, das aber dennoch ein Kind ist. Und ein Kind bleibt, innerhalb des Textes zumindest. Da fehlt grundlegende Substanz, als hätte es kein Leben danach gegeben. Ich weiß nicht, für mich funktioniert Erinnern einfach anders.

Aber wie gesagt, ich habe ein grundsätzliches Problem mit dieser Art von Textkonstruktion.

So verliert mich auch Im Kessel mehr und mehr und fängt sogar an, mich trotz gelungener und interessanter Passagen schwer zu ärgern. Mir ist das alles zu glatt, zu gradlinig. Zu durchdacht für ein Kind. Und es ist Kitsch, immer wieder. Auch mit Kitsch habe ich ein Problem. Ein ganz persönliches Problem übrigens, weiß ich doch genau, daß ich selbst einen nahezu unüberwindbaren Kampf mit dem eigenen Kitsch ausfechte. Tag für Tag sozusagen. Dennoch: der letzte Satz zum Beispiel, das ist doch keine Poesie. Das ist Kinderkitsch.

Ich mache weiter mit Anne Richter, deren Text ich in Klagenfurt wesentlich besser mitbekommen habe. Gut genug immerhin, um ihn sehr langsam und ebenfalls recht traditionell in Erinnerung zu haben. Darüber hinaus aber auch sehr deutlich und tief. Dennoch erwarte ich nicht viel, nur verschiedene verschachtelte Familiendesaster, langsame Dialoge, ordentlich notiert, und nichts Abschließendes, weil es natürlich ein Romanauszug ist. (Oder?)

Doch ich werde überrascht.

Abgesehen von dem artigen Stil, der nun wirklich nichts Spezielles hat, gefällt mir die Story an sich ausgesprochen gut. Es gibt zwar keinen Wechsel, an keiner Stelle, kein Tempo, grundsätzlich nicht, und keine Farbe, nirgends. Den Roman, wenn es denn einer ist, würde ich wohl eher nicht lesen wollen. (Es muß ein Roman sein, sonst macht das doch keinen Sinn. Oder?) Das wäre mir dann doch zuviel von all dem. Alles ist dunkel, auch das Blut und der Tod. Obwohl ich genau das eben mag, die Menschen darin vor allem. Ihre Schweigsamkeit und Starre, auch ihre Langsamkeit, diese entsetzliche Ergebenheit. Und die Konzentration auf die Geschwister, was ja auch der unvermeidliche Titel ist, die sich so fern sind, so nah. Das ist überdeutlich vorhanden. Und das ist doch eigentlich gut. Sogar die eine oder andere Beschreibung gelingt, und davon gibt es wieder einmal jede Menge. Was will ich denn mehr?

Es gibt ihn doch, den vertrauten Schrecken mitten in dieser familiären Düsternis. Irgendwie paßt das, alles. Wenn es nur nicht so harmlos geschrieben wäre, so artig zusammengebacken. Eines an das andere, logisch schlüssig und  seltsam unbeschädigt. Ohne Kontrast, ohne Risse, durch die der eine oder anderen Lichtstrahl den wirklichen Schrecken erhellen könnte. Schade.

Klagenfurt 2011

Mittwoch, 27. Juli 2011

Ich bin schrecklich, ich weiß. Nichts aktuelles war von mir zu lesen, hier nicht und auch anderswo. Nur Klagen, alles in allem.

Und auch jetzt:

Es gibt wenig gute Bilder von mir, ich mag nicht fotografiert werden. Ich bin kamerascheu und wenig fotogen. Meistens jedenfalls. Was eine echte Kaltmamsell ist, so kümmert die sich natürlich wenig darum. Und hat mich klammheimlich abgeschossen.

Das also bin ich, wie ich am ORF-Theater herumlatsche. Ein wenig gnomartig vielleicht, meine Beine sind halt nicht länger. Aber doch einigermaßen agil. Also wirklich mal ein Bild das mir durchweg gefällt.

Klagenfurt vor Ort

Donnerstag, 30. Juni 2011

In ein paar Tagen ist es soweit, ziemlich genau eine Woche noch, und die literarische Ausnahmezeit des Jahres beginnt. So war es für mich zumindest in den letzten 10 bis 15 Jahren. Im Büro habe ich mir freigenommen, die Uni wurde geschwänzt und wenn alles nichts half, mußte der Videorekorder herhalten. Aber gesehen habe ich immer, alles. Manchmal auch mitten in der Nacht.

Gut, genau genommen war es so eher früher, in den ersten Jahren, in denen ich dabei war. Seit das Internet in Klagenfurt mitspielt, hat sich alles ein wenig geändert. Wie sich ohnehin alles ändert, weniger oder auch mehr, durch das Internet. Die Texte stehen (meistens) rechtzeitig zur Verfügung, man kann zu Hause mitlesen, wie die Juroren und die Zuschauer vor Ort. Es gibt Echtzeitaustausch, Schnellschußwertungen und Twitterspaß am Rande. Jedes Jahr kommt mehr davon hinzu. Das macht Freude, klar. Ich bin auch immer gern dabei gewesen, wenn ich irgendwo dazugefunden habe. Es lenkt aber auch ab, daran kann kein Zweifel bestehen. Vor allem von den Texten. Das ist einfach so, das ist aber auch ganz normal. Denn Zuhören ist eine große Kunst, und Multitasking ist in vielerlei Hinsicht eine Illusion.

In diesem Jahr kann es für mich nur eines geben: Zurück zum Text! Und mehr noch: Zurück ins Leben! Ich werde dort sein, in Klagenfurt, und mir das Ganze mal in echt ansehen.

Ob ich dazu auch ins Internet schreiben werde? Keine Ahnung, mal sehen. Wenn da irgendwo ein WLAN herumliegt, wovon ich eigentlich ausgehe. Vielleicht.