Artikel-Schlagworte: „Bloggen“

Blogger und Bummelanten

Dienstag, 31. Januar 2012

Die These lautet: Bloggen ist altmodisch, bloggen ist unattraktiv und out. Bloggen hat sich längst schon selbst überlebt. Und das nicht erst seit gestern.

Das war doch gestern, oder etwa nicht, daß Facebook die Chronik erfand, die persönliche Lebensgeschiche im Netz? Das lebenslängliche Tagebuch sozusagen, mit Text, bewegten und bewegenden Bilder und Musik womöglich, in dem von Geburt an bis zum Tod alles online dokumentiert ist. Fehlt nur noch das Tool, das den Tod einstellt, letztendlich, wenn sich der Tod einstellt. Denn das stelle ich mir einstweilen dann doch noch schwierig vor, das jenseitige facebooken. Aber wer weiß!?

Und wer hat damit angefangen, es quasi erfunden? Die Blogger natürlich. Und zwar die, die seit Jahren ihre kleinen Alltagsgeschichten ins Netz stellen, gezielt und ambitioniert, wenn auch ohne jegliche Geschäftsinteressen. Wie absurd und verwerflich, wie langweilig und lahm. Wie mühselig auch, das alles selber zu machen. Das Design, die Vernetzung und überhaupt. Mitunter muß sogar dafür bezahlt werden.

Aber es gibt sie, nach wie vor. Und das ist kein Wunder.

Mein Fazit derzeit: Bloggen war schon immer seiner Zeit voraus, besonders das Bloggen jenseits der Blogcharts. Also das gerne verunglimpfte Befindlichkeitsbloggen in den vielen kleinen Tagebuchblogs. Ich bleibe dabei. Wer weiß, was noch daraus wird.

Leben und Schreiben

Sonntag, 18. Dezember 2011

Sprache ist die Quelle von Mißverständnissen, das ist nichts Neues. Kommunikation ist eine komplexe Sache. Dazu braucht es mehr als nur Sprache, das steht wohl außer Frage.

Beim Bloggen ist das nicht anders, insbesondere bei der ganz persönlichen Art des Bloggens. Und sie sind ja nicht selten, die Tagebuchblogs zwischen persönlichem Erleben und literarischer Verarbeitung des Alltags. Auch hier ist mehr als Sprache gefragt, um zu verstehen. Oder aber manchmal auch nicht zu verstehen. Das gehört eben auch mit dazu.

Auch Claudia von der Sammelmappe kann ein Lied davon singen. Dieser Tage hat sie wieder einmal zusammengefaßt, wie es ihr mitunter ganz persönlich beim Bloggen ergeht:

Mir ist es sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt nicht fremd, dass ich auf Menschen stoße – bzw. eher umgekehrt, diese Menschen stoßen auf mich, machen sich ein Bild von mir und nach einer Weile fühlen sie sich provoziert, weil irgendetwas in diesem Bild nicht mit der Vorstellung, die sie sich von mir machen übereinstimmt. Je nach Persönlichkeit dieser Personen wird mir dann mehr oder weniger aggressiv gegenüber getreten. Mir werden Fehler in der Kommunikation vorgeworfen, mir wird erläutert, was die richtigen oder wichtigen Probleme, Themen oder Lebensentwürfe wären. Mir wird auseinandergesetzt, welche Reaktionen man sich von mir erwarten würde – und ganz wichtig: mir wird versichert, wie hoch man mich schätze und dass man deshalb zu meinem Besten in diese Dikussion mit mir eintrete.

Mißverstanden werden, mißinterpretiert und aus mißlichen Gründen unvermittelt aggressiv angegangen, das passiert immer wieder. Das gehört auch beim Privatbloggen einfach dazu, darauf sollte man gefaßt sein. Es ist wie mit jeder Literatur, die Versuchung ist groß, hinter dem Text die Person zu erkennen und klar zu definieren. Das ist jedoch nur ein Spiel, das man durchaus einmal spielen kann, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Nicht jedoch den anderen. Die Menschen hinter dem Text zu durchschauen ist ein Aspekt, der von Grund auf zum Scheitern verurteilt ist.

Für den oder die PrivatbloggerIn bedeutet das: Letztendlich hilft nur Gelassenheit. Und die Gewißheit, daß das eigene Leben ohnehin die einzige Konstante ist. Im eigenen Leben.

DAS Blog ist DAS Blog ist DAS Blog

Freitag, 26. August 2011

Nur kurz, als Statement sozusagen: Ich bleibe bei DAS Blog, ist doch klar.

Auch wenn es ganz nüchtern und sprachwissenschaftlich betrachtet inzwischen ganz anders aussieht. Das hat gestern das Sprachlog detailliert und mit Grafiken aufgehübscht ausgeführt, selbst wenn der Autor dabei eindeutig auf meiner, also auf der richtigen Seite ist:

Warum sagt mein Sprachgefühl mir etwas so völlig anderes? Nun, zunächst ist klar, dass Blog eine Abkürzung von Weblog ist, und darin ist das Wort log enthalten. Die deutsche Entsprechung Log(buch) ist ein Neutrum, und als das Wort (We)blog vor noch nicht allzulanger Zeit ins Deutsche entlehnt wurde, war es deshalb auch ein Neutrum. Eine nach Jahren aufgegliederte Suche in den deutschen Tageszeitungen im Deutschen Referenzkorpus zeigt, dass das Verhältnis Neutrum/Maskulinum sich über die Jahre tatsächlich vom Neutrum zum Maskulinum verschoben hat …

Ach, wir werden den Kampf verlieren, das ist wohl klar. Leider.

Blogs und Kreativität

Mittwoch, 30. März 2011

Mit Blogs kann man ja viel anstellen, eigentlich so ziemlich alles. Dabei sollte niemand davon ausgehen, daß Blogs immer nur persönlichen Kram thematisieren. Also reines Tagebuchgekritzel veranstalten, wie es das Vorurteil will. Andererseits muß aber auch nicht alles, was in Blogs passiert, gleich hochinvestigativer Netzjournalismus oder gar PR sein. Letzteres wäre ja auch noch schöner, besten Dank.

Blog machen das, was man von ihnen möchte. Sie veröffentlichen es, das Denken, das Leben, das Tun.

Ein wunderbares Beispiel ist das das wohnzimmer, in dem seit Anfang des Jahres one creation per day erscheint. Und das ein ganzes Jahr lang! Eine phantastische Idee, die offensichtlich auf Noah Scalin zurückgeht: 365Make Something Every Day And Change Your Life. Das mit dem Ändern des Lebens mag man auf den ersten Blick für ein wenig weit hergeholt halten, so ein kleines bißchen amerikanisch übertreiben angehaucht. Ines, die das  Wiener Wohnzimmer fleißig tagtäglich bestückt, räumt in diesem Kommentar in meinem Privatblog mit diesen Befürchtungen auf. Und hat mich damit außerdem in meiner eigenen Idee bestärkt: Ein Gedicht pro Woche? Das sollte zu schaffen sein. Also warum nicht?

Zu lesen sind meine lyrischen Versuche, die ersten nach vielen Jahren Pause, in meinem kleinen Minimalblog Zendura. Das war schon seit einiger Zeit als Lyrikblog eingerichtet, ein bißchen was stand auch schon vorher darin. Häufig waren es alte Sachen, die ich dafür mühsam herausgesucht habe. Jetzt ist es auf einmal lebendig. Und ein paar Randbemerkungen finden sich jede Woche in meinem absurdum.

Auch so etwas können Blogs sein. Lebensveränderer. Sehr, sehr gut sogar.

Ich bin so frei

Dienstag, 30. November 2010

Da komme ich gerade aus dem sibirischen Berlin in die heimische Stube zurück. Ich fahre den Rechner hoch und schaue mich ein bißchen um, und was finde ich gleich zuerst? Ein JMStV, also einen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Richtig so?

Den soll es im nächsten Jahr schon neu geben, davon höre ich tatsächlich heute zu ersten Mal. Doch wie es aussieht, sollte ich mir wohl dringend Gedanken darüber machen, denn es betrifft auch Webpublikationen und damit alle meine Blogs.

Wie? Das weiß ich auch noch nicht so recht. Ich muß wohl entweder eine Sendebeschränkung einrichten oder sämtliche Seiten im Netz mit einer Alterklassifizierung versehen, ggf. mit einer Altersprüfung. Klingt nicht sehr praktikabel, im Zweifel auch nicht bezahlbar. Vor allem, wenn das am Ende auch noch für jeden Tweet gelten sollte. Man weiß ja nie.

Wie auch immer. Die Sache ist geeignet, von Bloggern mit Dringlichkeit im Auge behalten zu werden. Ich selbst tendiere spontan eher nicht zur Schließung, wie sie hier und da schon angekündigt wurde. Ich bin für weitermachen, weitervernetzen.

Noch bin ich so frei. Noch besser und noch fester. Bloggen eben.

[Mehr, viel mehr zum Thema gibt es in der Sammelmappe.]

Kommentarpsychologie

Sonntag, 31. Oktober 2010

Immer wieder lande ich beim Thema Kommentare, ich weiß. Was soll ich machen, das ist nun mal eines der entscheidenden Merkmale des Bloggens. Nur wegen der Kommentarmöglichkeit  bin ich irgendwann auf „richtige“ Blogsoftware umgestiegen. Einfach Text ins Netz stellen, das geht auch ohne. Aber ein Blog ohne Kommentare ist kein Blog. Meistens jedenfalls. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Tolle Sache, das mit der Kommentarmöglichkeit in Blogs. Web 2.0 in Urform sozusagen, ein Nehmen und Geben. Und doch schwierig mitunter, eine Grundeinstellung dazu zu finden. Manch ein Kommentator versucht eben, es dem Blogger mal so richtig zu geben. Immer und immer wieder. Das kommt vor. Der Umgang mit den Kommentaren, die Kommentarpolitik also, ist dementsprechend eine Frage, die das eine oder andere leise bloggende Gemüt in eine mächtige Schieflage gebracht hat. Und die Ursache dafür sind, wie ich inzwischen begriffen habe, Gefühle.

In einem ganz anderen Zusammenhang habe ich neulich ein bißchen Theorie über Gruppendynamiken wälzen müssen.  Dazu muß ich sagen, daß ich nicht so der Gruppentyp bin. Seit jeher lebe und arbeite ich besser allein. Mit punktuellen Begegnungen höchst intensiver Natur. Das dann schon. Zu meiner Verwunderung las ich also, daß es in Gruppenprozessen oft weniger um die Sache, den Gruppengrund geht, sondern vielfach einfach nur um Beziehungen. Es geht um einen diffusen Wir-Begriff, ein grundsätzlich stabilisierendes Zugehörigkeitsgefühl. Es geht um Bestätigung und Erwartungen, um die Durchsetzung von Hierarchien auch. Vielleicht geht es zusätzlich noch um die Verwirklichung von Zielen, ganz nebenbei. Letztendlich steht dann die Loslösung von der liebgewonnenen Gruppe an und zu guter Letzt möglicherweise sogar eine abschließende Einsamkeitsbewältigung.

Das alles soll so auch auf Onlinegruppierungen zutreffen, so las ich weiter.  Die Ausprägungen sind virtuell im Einzelnen zwar ein wenig anders gelagert, grundsätzlich aber besteht kaum ein Unterschied. So zumindest stand es in dem Papier.

Zunächst hat mich das überrascht. Natürlich kenne ich den Begriff Beziehung in Zusammenhang mit Freundschaften und Familien usw.  Sogar langjährige Arbeitsgruppen entwickeln solche Strukturen, werden zu einer Art Familie. Das habe ich alles schon erlebt. Und die Dynamik in Communities und Foren ist mir in meinen frühen Onlinejahren mitunter schmerzhaft bewußt (gemacht) geworden. Aber trifft das auch auf anonyme Einzelkommentatoren zu, die sich zufällig auf irgendeinem Blog versammeln?

Möglich wäre es. Zumindest stelle ich immer wieder fest, daß es den Schreckgespenstern unter den Kommentatoren weniger um Meinungsaustausch geht, als vielmehr um simple Meinungsverkündung. Bestenfalls noch um die darauffolgende Bebauchpinselung. Darüber hinaus scheint es noch überaus wichtig zu sein, andere Platt zu machen, sie in die unterste Kategorie abzuschieben. Eine Hierarchiestruktur zu etablieren also. So läuft dann so manches Kommentargeschehen – im HSB beispielsweise – im Grunde die immergleichen Kreise, solange immer dieselben Kommentatoren zugange sind. Die Argumentationstränge ähneln sich und führen dennoch zu nichts, auch auf Dauer nicht. Eben weil sie gar nicht darauf aus sind, irgendein Ergebnis zu produzieren, sondern lediglich auf eine ständige Wiederholung angelegt. Wie das mit Gefühlen so ist, manchmal. Oder eigentlich so gut wie immer.

Auch Blogs, die nicht besonders kommentargeflutet sind, werden gelegentlich von solchen emotionalen Selbstläufern heimgesucht. In meinem kleinen Privat- und Schreibblog beispielsweise tummelt sich immer wieder mal ein solches Wesen. Mit verschiedenen Allerweltsnamen versehen, kennt es dennoch nur ein Thema. Es will mir meine versammelten Unzulänglichkeiten vor Augen halten, indem es mich auf meinen altmodischen Herd, meine unmögliche Wohngegend und sämtliche sonstige Blödheiten hinweist, die es an mir vermutet. Derer gibt es ohne Frage etliche. Und das Ganze ist auch durchaus nicht unelegant vorgetragen und vor allem mit einem unheimlichen Durchhaltevermögen durchgeführt. Das muß ich schon sagen. Ich lese das auch immer mit Interesse. Zum Beispiel ist erkennbar, daß dieses Wesen sich im Internet über mich informiert hat. Soweit das eben geht. Viel ist es nicht, was man dort in Erfahrung bringen kann. Vorwiegend Äußerlichkeiten und Eckdaten, die über mich als Mensch nicht allzuviel aussagen. Eigentlich weiß das doch jeder, denke ich immer. Aber mein persönliches Kommentarwesen bleibt eisern bei der Stange. Seit Jahren jetzt schon.

Natürlich antworte ich nicht auf diese Kommentare, schon lange nicht mehr.  Ich bin auch kein Niggemeier, daß ich mir nun die Mühe machen würde, das alles aufzulisten. Nicht einmal jetzt, hier, an dieser Stelle, wo ich ausnahmsweise einmal darüber schreibe. Das ist mir alles viel zuviel Aufwand. Ich erinnere  mich aber noch gut, wie das alles anfing, damals. Wie sehr es mich irritiert hat, ja, emotional gepackt, weil ich es zunächst doch ernst genommen hatte. Und persönlich. Das war keine gute Idee. Das kostet Kraft. Und ist sinnlos.

Heute lese ich das nur und vergesse es dann wieder. Besonders jetzt, wo ich spitz habe, das so etwas mitunter einfach nur eine mehr als simple emotionale Absicht verfolgt. Seitdem geht das schlicht an mir vorbei.

Der Spielraum des Alltäglichen

Sonntag, 29. August 2010

Sprache lebt von Interpretation, das ist nichts Neues. Verstehen und Verständnis geschieht im Kopf, nicht auf dem Papier. Mit Erzähltem verhält es sich ebenso, außerdem kommt nahezu zwingend noch die Projektion hinzu, das Hineininterpretieren. Die Leerstellen zwischen den Worten, den Buchstaben, dem Schwarzen auf dem Weißen werden vom Leser nach Möglichkeit ausgefüllt. Auf die eine oder die andere Weise, durch Phantasie und eigene Erfahrung, und es ist noch viel mehr, das in einen Text mit hineinspielt. Das ist ein wesentlicher Teil von Literatur, nur deshalb funktioniert sie. Weil fast alles möglich ist, zwischen den Zeilen. Das ist es schließlich, was Spannung erzeugt, das ist das A und O, um durch eine simple Erzählung andere Welten zu betreten. Fiktive oder eine reale, ganz egal. So werden Kinder gebannt, zuerst durch die Geschichten, die ihnen zur Nacht erzählt werden, dann durch die Bilder und Buchstaben in den Büchern. Ich erinnere mich gut an die unendliche Kraft, die darin liegt.

Der Umgang mit diesen unausgefüllten Weiten ist etwas Wunderbares, will aber auch gelernt sein. Begönne ich eine Geschichte mit folgenden Worten:

Ich erinnere mich nicht, als Kind irgendwann geschlafen zu haben. Ich erinnere mich an dunkle Nächte und tiefes Schweigen, das mich umgab. Bis schließlich der Morgen mich erlöste. Jeden Tag aufs Neue.

Dann wäre das nicht nur recht kitschig, es wüßte vor allem so gut wie jeder, daß eine biologische Unmöglichkeit behauptet wird. Kein Mensch kann über Jahre hinweg nicht schlafen, es muß also etwas anderes gemeint sein. Womöglich irrt sich dieses Ich und gibt eine durch Erinnerungsprozesse verzerrte Wirklichkeit wieder. Oder das Ich weiß sehr wohl, daß es eine solche Schlaflosigkeit niemals überlebt hätte, versucht aber auf die Art, seine damals katastrophale Lage zu umschreiben. Indem es das Stilmittel der Übertreibung wählt. Das ist das Naheliegende, es gibt darüber hinaus aber noch sehr viele andere Möglichkeiten. Denkbar wäre zum Beispiel, daß das Ich kein Mensch ist und deshalb nicht schlafen muß. Es könnte ein Außerirdischer sein oder eine denkende und empfindende Maschine, ein Android vielleicht. Es könnte sich auch um einen Toten handeln, wer weiß schon, ob Tote schlafen müssen oder überhaupt können. Oder aber es ist ein Mensch, der offenbar sein Leben lang schon an einer unbekannten Krankheit leidet, die ihn nicht schlafen, aber auch nicht daran sterben läßt. Schon als Kind war er daher einem beständigen Forschungsdruck ausgesetzt, einem andauernden Suchen und Herumbasteln an seinem Körper, von dem er nun zu berichten trachtet. Und von seiner lebenslangen  Sehnsucht nach Schlaf.

Im Netz und in Blogs, das gebe ich zu, geht es auf den ersten Blick eher weniger um die phantastischen Möglichkeiten des Erzählens, zumindest die gängigen Hitlisten werden von journalistischen und publizistischen Themen oder Produkt-PR im weitesten Sinn beherrscht. Und damit überwiegend von Männern, was neulich von Katrin Strohmaier in der taz thematisiert wurde.  Die kleinen und großen Geschichten, die Tagebücher des Alltäglichen existieren aber ebenso. Sie sind vermutlich sogar zahlreicher. Und sie sind es wert, gelesen zu werden. Mehr noch, auf lange Sicht sind sie für mich spannender als die unzähligen Debatten, Analysen und Streitereien, die sich doch immer nur wiederholen.

Beim Tagebuchschreiben kommt es nicht unbedingt auf sprachliche Brillanz an, wie es ja gerne gefordert wird, und schon gar nicht auf eine publizistische Relevanz. Manche Tagebuchblogger schreiben runde, fertige Geschichten, das stimmt. Andere mäandern durch ihre Welt, setzen willkürlich Punkte, mal hier und mal da. Die Wichtigkeit wechselt, wie es im Leben so ist. Am nächsten Tag schon kann alles ganz anders aussehen, Weltsicht und Stil, Thematik sowieso. Es gibt auch Tagebuchschreiber, die nur Listen veröffentlichen, Essenszeiten, Arbeitsstunden und Körpergewicht vielleicht. Na und? Auch das ist gut so. Übrigens sollen das schon berühmte Dichter nicht viel anders gehalten haben. Das aus dem persönlichen Alltag resultierende Tagebuch ist häufig ein Schnellschuß, in ein paar Minuten heruntergeschrieben und drei Tage später schon vergessen und verworfen. Eine Erleichterung vielleicht, eine Stoffsammlung, erste Versuche im Steinbruch der Zeit. Ein Ansatz, mehr nicht, in dem mit ein wenig Glück ein Freischreiben geschieht, für die, die irgendwo im Hintergrund weiter daran arbeiten mögen. Oder auch nicht, wer weiß das schon? Womöglich dient es auch einfach nur der Analyse, der Selbstbespiegelung und die selbstgewählte Öffentlichkeit dient dabei als innerer Regulator. Warum denn nicht?

Gefaßt sein sollte man lediglich darauf, daß es Mißverständnisse geben wird. Immer, egal in welchem Bereich man sich schreibend bewegt. Das ist die Kehrseite von Sprache, dieser Medaille, in der sich die unterschiedlichsten Projektionen spiegeln. Ganz besonders gilt das natürlich für das Alltagsbloggen, das – bewußt oder unbewußt – weit mehr als alle anderen Formen auf der vollen Bandbreite des Interpretationsspektrums spielt. Nicht nur die grundsätzliche Frage nach Wahrheit oder Lüge stellt sich hier, vor allem stößt man häufig auf Wertungen, manchmal sogar auf – bewußte oder unbewußte – Abwertungen. Außerdem kommt es natürlich vor, daß im Rahmen der interpretatorischen Möglichkeiten jemand den Text nicht nur mißversteht, sondern schlicht und einfach Mist versteht. Damit muß man als Autor in der Öffentlichkeit leben, ohne groß Fragen zu stellen. So schwer ist das allerdings nicht.

Blogs vs. Print

Dienstag, 27. April 2010

Blogs sind ein Stück Software, hat mir mal jemand gesagt. Was ich damals noch ein wenig absurd fand, leuchtet mir heute etwas besser ein. Blogs haben ein Gerüst, das zusammengesetzt ist aus Software. Dazu kommt noch  diverse Hardware und Konnektivität natürlich. Aber das ist es dann auch schon. In diesem Sinn gleicht ein Blog dem anderen, mit marginalen Unterschieden.

Diese Unterschiede werden vom Content gemacht. Oder vom Leben, wenn man so will.

Im Printbereich sieht es übrigens seit jeher genauso aus. Das Gerüst ist anders zusammengesetzt, das ist klar. Da spielt Papier, Farbe und Leim oder Heftklammern eine Rolle. Die Transportwege sind komplexer. Aber sonst? Andere Grundbedingungen, mehr nicht.

Print-Endprodukte ähneln sich ebenfalls in gewisser Weise. Politische Magazine sehen optisch nicht viel anders aus als Hauszeitschriften, Kataloge oder sogar Postwurfsendungen. Auch hier gilt: auf Content und Leben kommt es an. Auf Qualität.

Vielleicht sollte man den Menschen zutrauen, daß sie die Unterschied ausmachen können. Zwischen frei und gekauft, Journalismus und Werbung, wenn man so will. Zwischen absolut passend und völlig daneben. Das funktioniert am Kiosk ja auch.

Law & Disorder

Mittwoch, 17. März 2010

Felix hat auf seinem Blog wirres.net eine hübsche Zusammenstellung von Internetgesetzen veröffentlicht, die insbesondere in Diskussionen in Kraft treten. Sehr spannend, wenn auch vielleicht ein wenig lang. Und weiteres Wachstum der Liste ist ja durchaus zu erwarten. Im Zusammenhang mit meiner frustgeprägten Auseinandersetzung mit dem Kommentargeschehen (insbesondere im HSB), kam mir aber dennoch vieles ziemlich bekannt und auch erhellend vor.

Besonders zutreffend erscheint mir Nummer 59: Nach der Erfüllung eines der Usenet-Laws ist die Diskussion beendet. Wer dennoch weiterdiskutiert, hat es nur noch nicht gemerkt.

Gänzlich unverständlich hingegen ist mir Nummer 24: Sobald sich in einem Thread ein weiblicher Poster zu Wort meldet, hat dieser automatisch die ganze Aufmerksamkeit der Newsgroup, was den Tod des urprünglichen Themas mit sich zieht.

Da behaupte noch einmal jemand, das Internet sei nicht vorwiegend männlich geprägt.

Neues von den Tagebuchbloggern

Freitag, 5. März 2010

Mek Wito und Melancholie Modeste, die beiden Veteranen auf dem Gebiet, sind beide, mehr oder weniger sporadisch, fleißig dabei. Gleiches läßt sich für die Kaltmamsell sagen, dazu ist ihr Journal in letzter Zeit erschreckend vollständig.

Lisa Neun, ganz frisch in der Riege, hat als Zeichnerin selbstverständlich einen eigenen Weg gefunden: ihr Tagebuch erscheint als Comic. Und Franziscript, immerhin, hat neulich via Twitter ihren Einstieg ins Tagebuchbloggen angekündigt. Also abwarten.

Nachtrag: Anke Gröner, hab ich bislang völlig übersehen.