Artikel-Schlagworte: „Geschichten erzählen“

Schürfen und schaufeln

Mittwoch, 29. Februar 2012

Geschichten gibt es auch ohne Öffentlichkeit, gleich welcher Art diese Öffentlichkeit auch sein mag. Papier, Pixel oder ein offenes Ohr, darauf kommt es erstmal nicht an. Geschichten gibt es einfach nur so, ganz für sich allein. Vermutlich ist das bei den meisten Menschen ähnlich, egal ob sie ihre Geschichten nun aufschreiben oder nicht einmal im Traum daran denken.  Geschichten kommen und gehen, ein Großteil wird niemals auch nur erzählt. Und so muß das sein, denn im Geheimen, da sind sie daheim. Irgendwo im Kopf, wo im Zweifel alles für immer verborgen ist. Wo niemand jemals hineingreifen und copypasten wird, da wohnen die Geschichten, erlebte wie erfundene. Dort wachsen sie und werden, reif. Oder auch nicht. Die meisten Geschichten werden vergessen oder verworfen, unzählige, jeden Tag. Tausende vermutlich, in einem einzigen Kopf. (Nein, ich übertreibe nicht. Vergessen zu können, das ist eine großartige menschliche Gabe.)

Vor allem liegt es aber daran, daß das Erzählen Zeit braucht. Viel Zeit, viel Entscheidung und viel Gestaltung ist gefragt. Mehr noch, wenn es ums Schreiben geht. Drei Monate habe ich zuletzt für knapp fünfzehn Seiten gebraucht, von Mitte November bis Anfang dieses Monats. Mit den üblichen Mietschreibereien zwischendurch, die mir die Wohnung erhalten. Mit ebensoviel Schwiegen und Nichtstun gefüllt, auch das gehört dazu. Sacken lassen, vergessen sogar und dann wiederfinden. Grundlegende Arbeit also, kein schnelles Geblogge. Denn das ist es, auch hier an dieser Stelle. Selbst wenn ich für den einen oder anderen Blogbeitrag auch schon einmal mehr ein Stündchen brauchen kann. Es ist trotzdem etwas  anderes, ein Unterschied beinah wie Tag und Nacht. Wie schürfen und schaufeln.

Schreiben, ohne schnelle, fast automatische Publikation. Vielleicht auch ganz ohne Publikation, das weiß ich derzeit noch nicht.  Kein Netz und kein Boden aus Holz, nichts dergleichen. Wie hatte ich das vermißt, ohne von diesem Manko zu wissen. Eine Ahnung vielleicht, ein Gespür. Und dann diese Konzentration, diese Tiefe. Diese Zufriedenheit am Ende. Das Wissen, daß es besser kaum geht.

Ich denke, das muß ich ab sofort wieder häufiger machen. Das darf ich auf keinen Fall wieder vergessen. Am besten, ich arbeite gleich weiter. Ich hätte da auch schon eine Idee, ein vor langer Zeit angefangenes Projekt. Veröffentlichen werde ich auch das nicht, nicht sofort zumindest. Aber erzähle werde ich vielleicht davon. Drüben, in der Rubrik write-insight.

Toll

Samstag, 6. September 2008

Sprache in der Werbung funktioniert ganz einfach. Über ein Waschmittel, das ganz toll ist, wird auf gar keinen Fall behauptet, es sei ein tolles Waschmittel. Dieses Adjektiv gilt es strikt zu vermeiden. Auch das entsprechende Adverb ist grundsätzlich verboten. Ein noch so tolles Waschmittel wäscht also niemals toll, einfach so. Auf die Art funktioniert es nicht. Das wird durchschaut, auf den ersten Blick. Das langweilt.

Statt dessen werden tolle Geschichten erfunden, am besten mit tollen Figuren. Klementine etwa, die wohl nachhaltigste deutsche Waschmittelwerbeikone. Klementine ist um das Produkt herumgeschrieben, alle Aussagen darüber kommen aus ihrem Mund. Das Wort „toll“ sagt sie dabei nicht, wenn ich mich recht erinnere. Und wenn doch, ist das auch egal. Es fällt nicht weiter auf. Was gemeint ist, wird dennoch nicht konkret ausgesprochen. Dabei steht es glasklar im Raum. Und das nur, weil die Figur so toll ist.

Beim Schreiben ist es im Grunde dasselbe. Was gemeint ist, wird nicht konkret gesagt. So gut wie niemals. Das Zentrum bleibt leer und wird lediglich umschrieben. Oder noch besser: Der Kern einer Geschichte wird dargestellt, auf erzählerische Art vermittelt. Nur so wird es interessant. Artiges Aufsagen oder gar nahtloses Aufzählen von Fakten ist dabei wenig hilfreich. Sprache ist ein unscharfes Instrument, sie kann und muß interpretiert werden. Auslassungen und Leerstellen bieten dafür Anlaß. Nahezu unverzichtbar sind außerdem gute Figuren. Je differenzierter, desto besser. Ohne das alles wird es schwierig. Und langweilig vor allem.

Allerdings sind Figuren nicht gerade leicht zu erfinden. Wenn sie schlecht sind, bleiben sie leer und klingen zwangsläufig hohl. Dann ist mit ihnen kaum etwas anzufangen. Wenn sie gut sind, machen sie sich innerhalb kürzester Zeit selbständig. Und das war es dann mit dem „Kern einer Geschichte“ und seiner Vermittlung. Dann vermittelt sich mitunter etwas, von dem man selbst noch nie gehört hat.

Ein eigenartiges Geschehen, das ist wohl wahr. Gut so!

Zum Thema Werbung bleibt noch zu sagen: Man kann das Waschmittel auch einfach TOLL nennen, das stimmt. „Reinweichen mit TOLL“, würde Klementine dann sagen. Und über die verbesserte Version, gut ein Jahr später, hieße es dann: „SUPERTOLL wäscht porentief“. So geht es natürlich auch.

Aber nur in der Werbung. Beim Schreiben funktioniert das eher selten. Selbst eine Figurennamensgebung auf dem Niveau erweist sich in allzu vielen Fällen als untauglich, um nicht zu sagen total lächerlich. Außer bei Daniel Düsentrieb vielleicht.