Artikel-Schlagworte: „Identität“

Im Fokus

Donnerstag, 30. Mai 2013

Oder darüber hinaus. Oder darin verschwunden. So sieht es aus, mitunter.

fokus

Das flüchtige Ich

Freitag, 31. August 2012

Schon einige Male habe ich mich in diesem Blog mit dem Ich beschäftigt, das bleibt beim Schreiben über das Schreiben zwangsläufig nicht aus. Welche Rolle beispielsweise kann das Ich beim autobiographischen Schreiben spielen, welche wird es spielen oder gar spielen müssen. Und wie sieht es mit dem real vorhandenen Ich aus,  das – wenn alles gut ist und das ist es –  meine Person ausmacht und meinen Alltag strukturiert.

Das Ich also ist immer ein Thema, im Leben wie im Schreiben. Was aber ist dieses Ich. Zur Zeit sitze ich gerade wieder einmal grübelnd davor. Dieses Ich, das ich bin. Oder auch nicht. Was zum Teufel soll das eigentlich? Und was um Himmels Willen will es von mir? Es macht mich mehr als  ratlos, das muß ich zugeben. Es reißt mich aus meiner Zeit derzeit, und es zerreißt mich dabei fast. Ich denke darüber nach, seit Tagen schon, ohne bislang einen tragfähigen Anfang gefunden zu haben. Einen, von dem aus ich mir dieses Ich aufschlüsseln, seine Handlungs- und Funktionsweise erklären könnte. Doch es hilft nichts, es mag sich mir nicht recht erklären.

Vermutlich ist es mein schreibendes Ich, das gerade derart mit mir herumturnt, denn eines scheint inzwischen klar. Dieses Ich, mit dem ich zusammenarbeite, ist nicht wirklich stabil. Es ist in sich flüchtig, jederzeit wandelbar und damit vor allem eines: Es ist immer offen. Und damit ist es genau so, wie ich es zum Schreiben brauche. Mein Alltag allerdings zerbröselt dabei ziemlich, und ich weiß noch nicht, mit welchen Folgen zu rechnen sein könnte.

Viel mehr vermag ich darüber im Moment nicht sagen. Nur eine grobe These hätte ich vielleicht noch im Angebot. Weil es doch im Zusammenhang mit dem schreibenden Ich immer wieder zu der Frage kommt, wie es denn mit der Autobiographie bestellt ist. Es ist die alte Frage nach der faktischen Wahrheit, die keinE AutorIn gerne hört, geschweige denn beantwortet.

Ich behaupte also, daß der einzige Berührungspunkt zwischen dem Ich, welchem auch immer, dem schreibenden Ich vermutlich, und dem Text ausschließlich im Moment des Schreibens selbst liegen könnte. Nur deshalb ist er so wichtig und wahr, dieser Moment. Mir zumindest. Und nur deshalb mag der Text letztendlich wichtig oder wahr sein und bleiben, womöglich. So wichtig wie dieses flüchtige Ich, das einzig und allein dem Schreiben dient, sich im Leben aber kaum zurechtfindet

Ich mag jedoch irren, mag sein.

Wer bloggen will, muß lügen

Sonntag, 26. Oktober 2008

Die weitverbreitete Annahme, daß Blogs grundsätzlich so eine Art Tagebuch seien und von daher ein naturgetreues Bild der Wirklichkeit oder gar des bloggenden Menschen selbst abgäben, ist nahezu immer falsch. Ich kenne kaum ein Blog, daß das leistet oder es auch nur versucht. Ich halte es auch für nahezu unmöglich. Immer gibt es Auslassungen, mehr oder weniger große weiße Flecken im Textgespinst. Das muß so sein. Es gibt Dinge, über die einfach nicht geschrieben werden kann. Bei aller vermeintlichen Offenheit. Nicht so zumindest, nicht öffentlich. Und auf gar keinen Fall, ohne das wahre Geschehen geschickt zu kaschieren.

Lügen ist also weitverbreitet und sowieso prinzipiell erlaubt. Alle Blogger lügen, daran führt kein Weg vorbei. Wie im richtigen Leben. Lügen sind Teil einer globalen Konstruktion. Die Frage ist nur, wie gut gelogen wird.

Man lernt es als Kind, irgendwann. Man begreift schnell, daß Lügen kein leichtes Spiel ist, sondern eines, das gut durchdacht sein will. Es hilft nicht, zu behaupten, man sei im Kino gewesen, wenn man den Film nicht erzählen kann. Nicht einmal in groben Zügen. Darum muß man sich kümmern. Wer das nicht will oder kann, der sollte es mit dem Lügen gar nicht erst versuchen. Und sich statt dessen besser in Schwiegen üben. Das geht auch, das ist der andere Weg. Echte Schweiger bloggen allerdings eher selten. Eben weil sie nicht lügen können. Oder wollen

Eine der wichtigsten Entscheidungen in Zusammenhang mit einem Blog ist die Lüge über die eigene Identität. Egal, ob unter Klarnamen oder Pseudonym gebloggt wird. Gleichgültig auch, ob Geschichten erzählt oder Tagesprotokolle erstellt werden sollen. Immer bildet sich eine Blogpersönlichkeit heraus, die mit der realen Person nur zum Teil identisch ist. Mitunter haben beide auch rein gar nichts miteinander zu tun. Je nachdem, wie weit die Verfremdung gehen soll, sind bereits im Vorfeld Überlegungen anzustellen, wie das Ganze funktionieren kann. Auf die Art wird quasi ein zweiter Boden eingefügt.

Ähnliche Überlegungen müssen natürlich in Bezug auf alle Personen, die im Blog auftauchen, angestellt werden. Die Regeln, die für die eigene Person gelten, sollten – am besten noch wesentlich strenger – auch für alle anderen zugrunde gelegt werden. Im Zweifel kann man natürlich vorher einfach mal nachfragen.

Der zweite Bereich mit meist überdurchschnittlichem Lügenbedarf tritt eher im Ablauf zutage, also beim alltäglichen Bloggen selbst. Auch die Zeit ist ein grundlegendes Problem, über das beizeiten nachgedacht werden sollte. Erzähle ich meinem Publikum immer, wo ich mich gerade befinde? Teile ich also öffentlich mit, in welchem Hotelbett nächtige und mit wem? Oder daß ich einen dreitägigen Ausflug in die Schweizer Berge mache? Muß das wirklich sein? Tatsächlich? Kann das nicht auch ein paar Tage später geschehen? Merkt doch eh keiner. Oder?

Lügen dienen vor allem dem Schutz. Nur deshalb lernen Kinder es irgendwann. Weil sie etwas für ich haben und behalten wollen. Ein Geheimnis, ein Geschenk. Oder etwas, das sie ganz allein bestimmen. Ein Erlebnis, einen Traum. Eine Welt eben. Dafür lohnt es sich zu lügen.

Für das Bloggen heißt das im Extremfall, daß eine mehr oder weniger groß angelegte Lügenstrategie bis ins Detail ausgearbeitet werden muß. Und auch darüber hinaus bedeutet es, immer wach zu bleiben und gut nachzudenken. Was geht und was nicht. Was paßt, und was liegt daneben. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, Wort für Wort. Aber das ist beim Schreiben ohnehin unerläßlich.

Im Grunde muß also über den Grad der Verschleierung eines jeden Beitrags entschieden werden. Mal mehr und mal weniger. Je persönlicher das Thema, desto vorsichtiger sollte man sein. Desto besser sollte man lügen können. Gut zu lügen bedeutet vor allem, die Dinge nicht völlig aus der Wirklichkeit herauszudrehen. Sie nicht unkenntlich zu machen, obwohl auf Anhieb nichts erkannt werden soll. Das vor allem macht die Kunst des Bloggens aus. Und es gehört auch zum Schreiben, irgendwie.

Damit allerdings betreten wir endgültig den literarischen Bereich. Und Formfragen sind ein weites Feld, nahezu unübersehbar.