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Die Worte mit den Füßen

Dienstag, 30. April 2013

Schreiben ist eine Kunst, davon gehe ich aus. Und Kunst hat ohne jeden Zweifel etwas mit Können zu tun, wenn auch womöglich weniger mit einem Können im Sinne von Qualität. Qualität ist natürlich nicht ohne Bedeutung, dennoch steht das mitunter an zweiter Stelle. Viel häufiger geht es um schreiben können oder eben nicht schreiben können, also um Schreibblockaden. Damit wären wir bei der Arbeit, die Kunst vor allem ist.

Erfahrene Schreiber kennen das, alle: Nicht schreiben zu können ist eine Qual. Doch es erwischt jede und jeden einmal, mal länger und mal kürzer und aus den unterschiedlichsten Gründen. Der erste und beste Tip ist in dem Fall immer: Bewegung! Weg von Bildschirm, weg vom Schreibtisch, raus aus dem Zimmer, wenn es irgendwie geht. Das ist das Wenigste. Manchmal, bei den kleinen Sekundenblockaden, kann es reichen, vom Stuhl aufzustehen und sich gleich wieder hinzusetzen, um anschließend nahtlos weiterzuschreiben. Doch das zählt eigentlich nicht, das sind nur Atempausen. Kleine Hänger zwischen dem Ein- und dem Ausatmen, mehr nicht.

Wirklich belastend sind die Tage und Wochen schreibenden Schweigens, die es immer wieder zu bewältigen gilt. Und diese innere Starre wird zermürbend, wenn daraus Jahre werden, in denen wenig bis gar nichts gelingt, bei aller Anstrengung und bestem Bemühen nicht. Es ist als hätte man plötzlich keine Hände mehr, um hineinzugreifen in die Welten und Zeiten, wie sonst immer. Nichts geht mehr von selbst, alles wird zur Qual, vor allem, weil man nicht weiß, wann und ob die Schreibhände nachwachsen.

Aber dem kann vorgebeugt werden und zwar ebenfalls durch Bewegung. Manche Schreiber laufen oder schwimmen, regelmäßig, und schreiben dann Bücher über das Laufen oder das Schwimmen. Ich selbst habe im letzten Sommer angefangen, durch die Stadt zu gehen, um in Bewegung zu bleiben oder zu kommen. So genau wußte ich das selbst nicht. Davor war ich oft mit dem Fahrrad unterwegs, oder ich habe angefangen exzessiv zu bauen, vorwiegend mit Holz. Es gibt nichts Besseres als das. Nicht für mich.

Etwas anderes zu tun als nur zu schreiben, etwas mit einem anderen Gewicht, ist von unschätzbarer Bedeutung. Und zwar immer, nicht nur in Schreibkrisenzeiten, denn es treibt neue und andere Muster ins Leben und damit auch ins Schreiben. Tanzen zum Beispiel, seit Anfang des Jahres tanze ich. Ich weiß nicht, warum. Noch nicht. Es ist beinah lächerlich, das immerhin ist mir inzwischen klar. Meine Füße taugen nicht recht für diese Art der Kommunikation. Aber wer weiß, was noch? Einstweilen bleibe ich am Ball, besser gesagt bei der einen oder anderen Milonga, ganz am Rand oder mittendrin, und werde irgendwann vielleicht verstehen, was das nun wieder soll. Was mir wieder das ins Leben bringt. Oder eben auch nicht.

Leben ist Schreiben, letztendlich. Ich kann nicht anders. Aber Schreiben muß auch Leben sein.

Das Zen des Dichtens

Montag, 30. Mai 2011

Das Lyrische Ich ist ein verstecktes, ein verkrochenes mitunter. Dazu ist es da. Um unkenntlich zu machen, um zu verschleiern. Um zu schützen auch. Und um sich auszuweiten, die Grenzen des alltäglichen Egos zu sprengen.

Doch weil dieses eigenartige Ich so seltsam gestrickt ist, vermag es aus der anderen Perspektive betrachtet das genaue Gegenteil zu bewirken. Schreiben verändert, Worte haben wirkliche Macht. Das ist vielen Menschen vertraut, nicht nur  im kreativen, auch im therapeutischen Bereich kommt das zum tragen. Ganz zu schweigen von Politik, Information und all dem anderen meinungsmachenden Zeugs.

Dichten jedoch geht darüber hinaus, es verändert nicht nur, es entblößt auch. Daran führt kein Weg vorbei. Das sollte man wissen, wenn man sich ans dichten wagt. Dichten beeinflußt das Leben des Dichtenden, lenkt es in unplanbare Bahnen mitunter. Dichten verändert nicht nur, einfach so, ein kleines bißchen vielleicht, den Blickwinkel oder die Perspektive. Das Übliche halt.

Dichten ist ein Spiel mit der Seele. Ein großartiges, waghalsiges Spiel. Ein verwirrend ernsthaftes Spiel auch, das mit einer gewissen persönlichen Disziplin angegangen werden kann. Vielleicht sogar sollte. Großen Spaß macht es dennoch.

Linktip: Zendura

Glatte Zeit – wie sich die Räume öffnen

Samstag, 26. Dezember 2009

Eines der größten Probleme beim Schreiben ist es, die Zeit dazu zu finden. Sie sich zu nehmen oder zu schaffen. Irgendwie. Und zwar ist nicht nur eine genügende Zeitspanne vonnöten, es muß zwingend auch die richtige Zeit sein. Eine ausreichende Reihe von Momenten, in denen Zeit und Raum aufeinandertreffen, miteinander verschmelzen und damit die nötigen Türen öffnen. So viele wie nur irgend möglich.

Das ist nicht einfach.

Der Alltag arbeitet gegen diesen Zustand, gegen diese Art von Leben. Und leben muß man es, das Schreiben. Trotzdem zerschneiden Termine die Möglichkeiten, immer wieder, das Telefon funkt dazwischen und vermeintliche Verpflichtungen, die womöglich vermeidbar wären, grassieren mitunter wie die Pest. So wird der Wunsch, sich dem Zauber des Schreibens hinzugeben, plötzlich zu einem Kampf. Was selbstverständlich ebenfalls nicht besonders hilfreich ist. Denn er scheint stets aussichtslos.

Neulich stieß ich spät abends, beim nächtlichen TV-Zapping, auf eine Sendung über und mit Michael Köhlmeier, einem österreichischen Schriftsteller. Klar, daß ich bei so etwas hängenbleibe, egal, wie spät es ist. An einer Stelle war die Rede von glatter Zeit, die es zum Schreiben braucht. Längere Zeit also, in der nichts stört, in der Alltag in den Hintergrund tritt und Schreiben überhaupt erst möglich ist. Glatte Zeit, das ist ein wunderbar zutreffender Begriff, der, wie ich nach kurzer Recherche feststellte, auf Roland Barthes zurückgeht. Die Vorbereitung eines Romans habe ich leider nicht da, und im Netz finde ich gerade nur das Inhaltsverzeichnis (PDF). Sieht nach einem mächtigen Schinken aus, den es sich sicherlich lohnt zu lesen. Nicht nur wegen der glatten Zeit.

Andererseits (ver)braucht natürlich auch Lesen jede Menge Zeit. Zeit, die dann fürs Schreiben fehlt, eventuell. Bilde, Künstler, rede nicht! Doch genau weiß man das letztendlich nie, wo exakt die Grenze ist. Was hilft weiter, was zerstört, unwiderruflich. Und wann kippt es. Ins Unerträgliche, in Verzweiflung und Zweifel.

Nach fast zwei Monaten Unterbrechung, bedingt durch Broterwerb und anderen Streß, scheint es (mir derzeit) so gut wie unmöglich, einfach nahtlos weiterzumachen. Die Story wiederzufinden, den Ton und den Schwung. Oder auch nur einen halbwegs funktionierenden Anschluß zu bauen. Die Brücke, die geschlagen werden will, ragt weit hinaus ins Leere. Dort warten die Räume, die geöffnet werden wollen. Eine unglaubliche Anziehung geht davon aus. Aber wie findet sich die Zeit, die weit genug reicht?

Zum Abschluß noch ein interessantes Interview mit Michael Köhlmeier (PDF).

Schreibwerkzeug

Sonntag, 8. März 2009

Stellvertreter auf meinem Schreibtisch. Zwei, die sich aneinanderschmiegen. Es können Steine sein, aber auch alle anderen Formen, Farben oder Fragen. Vielleicht nur Striche im Notizheft, Spuren auf der Festplatte oder im eine leichte Verwirrung Hirn. Das alles, und noch so viel mehr.

Diese zwei sind Mensch geworden, was einem Zauber gleichkommt. Und darüber staune auch ich, immer wieder.

Ob das Buch im Hintergrund zum Thema Magie paßt, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht so genau. Ich muß es erst lesen, zumindest das eine oder andere Kapitel. Das werde ich demnächst tun, durchgeblättert habe ich es schon. Und bin durchaus angetan.

Der Rest ist eine Stilfrage. Es paßt optisch, die Farbe, die Schrift, ja, sogar der Titel. Tools sind Werkzeuge, keine Regeln. Genau so steht es auch im Vorwort: tools, not rules. Das gefällt mir, sehr sogar.

Anker setzen im kreativen Chaos

Samstag, 28. Februar 2009

Vieles ist zu planen, zu entscheiden und nicht zuletzt umzusetzen, wenn am Ende ein schlüssiger Text auf dem Papier oder im Netz stehen soll. Egal in welchem Bereich, ob Fiktion oder Sachtext, Reportage oder Alltagsbeschreibung. So viel greift ineinander, bedingt sich oder schließt sich aus. Da ist es völlig normal, zumindest zeitweise, den Überblick zu verlieren über die unzähligen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die in einem Stoff liegen. Das geschieht fast zwangläufig.

Bei einem einzelnen Blogeintrag ist der Umfang des zu erwartenden Chaos’ vermutlich noch nicht allzu groß. Aber wenn man das gesamte Blog betrachtet, sieht es womöglich schon ganz anders aus. Fragen über Fragen: Welche Rubriken soll ich anlegen? Wie benenne ich sie? Soll ich überhaupt rubrizieren? Ist eine Reihenfolge möglich? Wenn ja, welche Reihenfolge wähle ich? Muß ich dafür meine Beiträge planen? Wie plane ich Beiträge? Und wo bleibt dann mein Spaß? Kann ich das Ding nicht einfach laufen lassen? Das läuft doch sicher auch, ist doch nur ein Blog. Oder etwa nicht?

Klar läuft ein Blog auch von selbst, zumindest solange man etwas hineinschreibt. Es findet schon seine Form, irgendwie. Welche das sein wird, ist dann mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Das macht aber nichts, denn ohnehin können sich Blogs ohne großen Aufwand ändern und immer wieder wandeln. Ebenfalls ganz von allein. Von Erfolgsstrategien, von Leser- oder Klickzahlen ist an dieser Stelle allerdings nicht die Rede. Auch Marktchancen und Verkaufzahlen spielen zunächst einmal keine Rolle, denn noch befindet sich alles in der Produktion, und der Verfasser hadert mit den möglicherweise vielschichtigen inneren Werten eines Textes. Nur darum geht es.

Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem Chaos umzugehen. Bücher über das Schreiben lesen, zum Beispiel, oder Schreibkurse besuchen. Das hilft wirklich. Also: Üben, üben, üben. Thematische Schwerpunkte setzen, Listen schreiben und abhaken, grundsätzliche Arbeitsstrategien entwickeln und dennoch die Einzelaspekte jeder einzelnen Geschichte nutzen. Locker und leicht. Anders gesagt: Planen, planen, planen. Arbeiten, so wie es auch in der Schule gemacht wird. Und irgendwann einfach loslegen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist schwerer zu beschreiben, denn sie ist individuell. Die andere Seite ist die magische Seite, ungeplant und frei schwingend. Die versucht wohl jeder auf seine Weise in den Griff zu bekommen. Ich suche mir Dinge, große oder kleine Gegenstände, die ich entweder an meinem Schreibplatz plaziere oder aber für die Dauer der Arbeit bei mir trage. Also mitunter für ein paar Jahre. Dinge, die ich mit meinem Thema in Verbindung bringe, auf die eine oder andere Art, wie auch immer. Für andere muß der Sinn darin nicht unbedingt klar erkennbar sein, ganz im Gegenteil. Das Ding muß nur mich erinnern und verankern. An und in das, was ich weiß, daß ich schreiben will.

Damals, als ich Lucas vorbereitete, fand ich in einem Wuppertaler Waldstück zwei recht unscheinbare Steine. Sie waren sich ähnlich, aber durchaus nicht gleich. Beide grau und kantig, der eine fast genauso schwer wie der andere. Dennoch recht verschieden in der Form. Und ich weiß nicht wie, für die Dauer der Arbeit an dem Roman, konnte ich die beiden auf eine Weise zusammenstellen, aneinandergeschmiegt, daß sie sich gegenseitig stützen. Jeder für sich war nicht in der Lage, auf der Fläche zu stehen, auf der er zusammen mit dem anderen stand. Dazu kam die Tatsache, daß kaum etwas zwischen die Schmiegefläche der Steine paßte, wenn sie so auf meiner Fensterbank standen. Nur ein ganz klein wenig Licht.

Ziemlich genau zwei Jahre repräsentierten diese zwei Steine meine beiden Hauptfiguren, trugen mich durch die Zeit der Arbeit, hielten mich im Spiel. Was auch immer geschah, ob meine Katze sie lässig aus dem Weg geräumt hatte oder ich sie für den Abend mit an mein Bett nahm, immer war ich auf Anhieb in der Lage, sie sofort wieder richtig aufzubauen. So, daß sie sich aneinanderschmiegten, beinah zu einer Einheit wurden.

Unmittelbar nach Abschluß des Manuskripts war ich dazu plötzlich nicht mehr in der Lage. So sehr ich es auch versucht habe, es war einfach vorbei. Die Magie gebrochen, genau im richtigen Augenblick. Wie man das macht? Das weiß ich auch nicht. Darauf muß man wohl vertrauen. Und wissen, daß öfter, als daß es gelingt, es sicherlich danebengeht.

Gerade eben übrigens, als ich die beiden herübergeholt habe, um sie exakt beschreiben zu können, ist es mir auf einmal wieder gelungen. Jetzt stehen sie da, neben meinem Bildschirm, wie zuletzt vor über zehn Jahren. Und bin ich erschrocken, das gebe ich zu.

Zauberhafte Sprache

Samstag, 31. Januar 2009

Viel läßt sich sagen und auch schreiben über das Erzählen, sei es nun in Blogs, in Büchern oder sonstwo. Und immer geht es um Vielfalt. Darum, daß alles möglich ist, im Grunde, daß da keine Regeln sind. Daß man – verdammt nochmal! – immer selbst entscheiden muß, jedes mal aufs Neue, wie es diesmal am besten geht. Alles kann auf einmal ganz anders sein als nur eine Satz zuvor. Ein Wort kann jetzt richtig und im nächsten Atemzug völlig ungeeignet sein. So funktioniert das. So ist Sprache, genaugenommen, ein lebendiges Wesen.

Auch ich hänge dem nach, das muß ich zugeben. Dieser Freiheit, die das Schreiben bedeutet. Die quasi in ihm wohnt. Und frage mich dennoch jedesmal, wie ausgerechnet das einem helfen kann, der es einfach nur mal ausprobieren will. Der nach Ansätzen sucht, nach einem Anfang mitten im Chaos. Vielleicht noch ohne zu wissen, wozu eigentlich. Das kann doch keine Antwort sein, nicht für jeden zumindest. Oder?

Naürlich ist das nicht alles, dieses Theoriegefasel. Das ist es ganz und gar nicht. Bislang habe ich die Magie nicht erwähnt. Den Zauber, den es braucht, damit ein Text zu leben beginnt. Wie aber ist das jetzt wieder zu verstehen? Und wie geht man damit um, zielgerichtet und konsequent. Mit der Zauberkraft der Sprache.

Wie soll ich nur sagen? Wo beginnen?