Archiv für Dezember 2009

Glatte Zeit – wie sich die Räume öffnen

Samstag, 26. Dezember 2009

Eines der größten Probleme beim Schreiben ist es, die Zeit dazu zu finden. Sie sich zu nehmen oder zu schaffen. Irgendwie. Und zwar ist nicht nur eine genügende Zeitspanne vonnöten, es muß zwingend auch die richtige Zeit sein. Eine ausreichende Reihe von Momenten, in denen Zeit und Raum aufeinandertreffen, miteinander verschmelzen und damit die nötigen Türen öffnen. So viele wie nur irgend möglich.

Das ist nicht einfach.

Der Alltag arbeitet gegen diesen Zustand, gegen diese Art von Leben. Und leben muß man es, das Schreiben. Trotzdem zerschneiden Termine die Möglichkeiten, immer wieder, das Telefon funkt dazwischen und vermeintliche Verpflichtungen, die womöglich vermeidbar wären, grassieren mitunter wie die Pest. So wird der Wunsch, sich dem Zauber des Schreibens hinzugeben, plötzlich zu einem Kampf. Was selbstverständlich ebenfalls nicht besonders hilfreich ist. Denn er scheint stets aussichtslos.

Neulich stieß ich spät abends, beim nächtlichen TV-Zapping, auf eine Sendung über und mit Michael Köhlmeier, einem österreichischen Schriftsteller. Klar, daß ich bei so etwas hängenbleibe, egal, wie spät es ist. An einer Stelle war die Rede von glatter Zeit, die es zum Schreiben braucht. Längere Zeit also, in der nichts stört, in der Alltag in den Hintergrund tritt und Schreiben überhaupt erst möglich ist. Glatte Zeit, das ist ein wunderbar zutreffender Begriff, der, wie ich nach kurzer Recherche feststellte, auf Roland Barthes zurückgeht. Die Vorbereitung eines Romans habe ich leider nicht da, und im Netz finde ich gerade nur das Inhaltsverzeichnis (PDF). Sieht nach einem mächtigen Schinken aus, den es sich sicherlich lohnt zu lesen. Nicht nur wegen der glatten Zeit.

Andererseits (ver)braucht natürlich auch Lesen jede Menge Zeit. Zeit, die dann fürs Schreiben fehlt, eventuell. Bilde, Künstler, rede nicht! Doch genau weiß man das letztendlich nie, wo exakt die Grenze ist. Was hilft weiter, was zerstört, unwiderruflich. Und wann kippt es. Ins Unerträgliche, in Verzweiflung und Zweifel.

Nach fast zwei Monaten Unterbrechung, bedingt durch Broterwerb und anderen Streß, scheint es (mir derzeit) so gut wie unmöglich, einfach nahtlos weiterzumachen. Die Story wiederzufinden, den Ton und den Schwung. Oder auch nur einen halbwegs funktionierenden Anschluß zu bauen. Die Brücke, die geschlagen werden will, ragt weit hinaus ins Leere. Dort warten die Räume, die geöffnet werden wollen. Eine unglaubliche Anziehung geht davon aus. Aber wie findet sich die Zeit, die weit genug reicht?

Zum Abschluß noch ein interessantes Interview mit Michael Köhlmeier (PDF).