Archiv für die Kategorie „Schreiben I /Grundlagen“

Lesen und Schreiben

Mittwoch, 30. November 2011

Ein schönes und vertrautes Wortpaar. Eine Zwillingsexistenz, wie es vermutlich nicht nur mir scheint. Aber was haben Schreiben und Lesen tatsächlich miteinander zu tun?

Selbstverständlich empfehle ich allen, die Schreiben wollen, zunächst einmal das Lesen. Dabei kommt es nicht darauf an, was gelesen wird. Die meisten Menschen werden ohnehin zu dem greifen, was sie interessiert und was sie eventuell auch selbst verfassen möchten. Doch das  ist nicht der Punkt, es dürfen auch Waschmaschinenbauanleitungen sein oder völlig verkorkste Wikipediaeinträge sein.

Wichtig ist vor allem die Sprachbetrachtung. Sprache ist Muster und Struktur, sie ist in sich starr und wenig flexibel. Sprache ist Macht, und die will schreibend in Fluß gebracht werden. Dafür muß man sie kennen. Gut kennen.

Aber wenn es schließlich ans Schreiben geht. Was dann? Soll man dann noch lesen? Und wenn ja, was?

Ich bin ich

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Aus aktuellem Anlaß denke ich über autobiographisches Schreiben nach. Das Schreiben über das eigene Leben also, das eigene Leben aufschreiben. Vielleicht nicht alles, aber doch die eine oder andere Geschichte. Die Brennpunkte, Schmelztiegel benennen, die es in jedem Leben gibt. Ist das wichtig? Hat das eine Bedeutung? Ist das Literatur? Ist es das wert?

Man hört das ja oft, wenn bekannt wird, daß man selber schreibt. Dieser eine Satz, der fast unweigerlich von jedem kommt, der überhaupt etwas dazu sagt, das nicht grundsätzliches Unverständnis ausdrückt: Ich könnte ganze Bücher schreiben, soviel hab ich erlebt.

Mach doch, denke oder sage ich dann immer. Wenn du kannst.

Ganz so einfach ist es mit dem Schreiben schließlich auch wieder nicht, soviel steht fest. Spätestens in dem Moment, in dem man es versucht.  Schon gar nicht mit dem Aufschreiben von echtem, wahren Leben. Was immer das auch sein mag. Ich glaube ja nicht wirklich an die Wahrheit, das hatte ich schon einmal ausgeführt. Ich bestehe auf Fiktion. Gerade deshalb ist das Autobiographische wirklich harte Arbeit, vielleicht die härteste überhaupt. Das Erinnern und Beleben von Vergangenem. Das Auswählen, Sortieren und Beschreiben, letztendlich. Oder – schlimmer noch – das direkte Umsetzen des aktuell Erlebten, wie es beim Bloggen allzu oft vorausgesetzt wird.

Ich glaube einfach nicht daran, zumindest nicht beim Bloggen. Das mag natürlich vor allem in mir selbst begründet sein, ganz sicher ist es das. Andere empfinden das Schreiben an der eigenen Biographie als Befreiung, als Erleichterung oder Bewältigung sogar. Nicht zuletzt werden Biographien gerne gelesen, auch von mir übrigens. Ich lese sie allerdings als eine Art Fiktion. Logisch, so bin ich eben.

Dennoch schöpfe auch ich immer wieder, nahezu ausschließlich sogar, aus dem eigenen Fundus. Woraus denn auch sonst? Mein Ich ist mein Wahrnehmungs- und Verarbeitungsorgan. Das sei an dieser Stelle unumwunden zugegeben, und das ist auch kein Widerspruch. Das geht einfach nicht anders, deshalb gehört es zusammen. Wahrheit und Fiktion, das ist dasselbe. Für mich zumindest, so verrückt das auch klingen mag.

Es ist so, und deshalb verrate ich den aktuellen Anlaß nicht, weshalb ich mich derzeit mit diesem ausweglosen Thema beschäftige, wieder einmal. Ich erzähle auch nicht, warum alle meine Hosen rutschen, derzeit, und ich den Gürtel nicht nur enger schnallen, sondern demnächst wohl zusätzlich noch die Lochzange suchen und in Einsatz bringen muß.

Das alles wird Text, irgendwann. Ich bleibe am Ball, ganz sicher. Aber so einfach mache ich es mir eben doch nicht. Niemals.

Ich weiß, ich bin verrückt.

Zwischen Lesbarkeit und Eigenart

Dienstag, 29. Juli 2008

Wie an anderer Stelle bereits festgestellt, und in einem Kommentar noch einmal weiter ausgeführt, darf Deutsch eigentlich jeder so schreiben, wie er oder sie es gerne hätte. Das bezieht sich nicht nur auf den Stil, sondern ausdrücklich auch auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und sogar Grammatik. Und, mal ganz ehrlich, die meisten Menschen tun das auch, mehr oder weniger. Vielleicht nicht immer absichtlich, aber darauf kommt es nicht an.

Wichtig ist – zumindest wenn man es darauf anlegt – die Lesbarkeit, die Verständlichkeit eines Textes. Man sollte meinen, daß das nicht so schwer sein kann. Schreiben kann schließlich jeder. Doch das täuscht. Schreiben ist gar nicht so leicht.

Maler

Ein selbständige Malermeister zum Beispiel, früher mal mein Kunde, als ich noch halbtags in einer Agentur herumsaß, war schwerer Legastheniker. Außerdem italienischer Herkunft. Die handgeschriebenen Textvorlagen, die er mir mitunter zufaxte, bedeuteten für das gesamte Team regelmäßig ein umfangreiches Rätselraten. Lustig, wie man vielleicht meinen könnte, war das nicht. Über einzelne Vertipper oder Buchstabendreher läßt sich leicht lachen. Was aber, wenn sich rein gar nichts mehr zusammenzufinden scheint? Und es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr dieser Mann in der Lage war, Sprache bis in seine Einzelteile zu verwechseln und zu verdrehen. Oder, um es klar zu sagen: Insbesondere bei längeren Texten waren seine Absichten, oder auch nur irgendein Zusammenhang zwischen den einzelnen „Worten“, wenn es denn wirklich „Worte“ waren, kaum noch zu erkennen. Auch wenn uns allen völlig klar war, daß da etwas sein mußte. Irgendwo, versteckt in den Zeilen.

Zum Glück war dem Mann das Problem bewußt, und er ging offensiv damit um. Angebote schrieb seine Frau, auch die Rechungen ließ er von ihr korrigieren. Nur die Werbung wollte er selbst erledigen. Und damit lag er goldrichtig, denn seine Ideen waren ausgezeichnet. Witzig, und oft genug genau auf den Punkt gebracht. Doch er wäre nie in der Lage gewesen, sie schriftlich so zu formulieren, daß irgendwer verstanden hätte, worum es ihm geht. Ganz zu schweigen von einer endgültigen Umsetzung. Deshalb kam er zu uns.

Meistens rief er nach der Textübermittlung, irgendwann zwischen seinen vielen Terminen, noch einmal an, um seine Ausführungen geduldig zu erklären. In einer glasklaren, beinah eloquenten Art übrigens. Und in fast akzentfreiem Deutsch. Der Mann war immerhin Meister, und ziemlich erfolgreich dazu. Nur Schreiben war nicht sein Ding.

Dichter

Zu jeder Zeit haben Schriftsteller und Dichter, heute sagt man wohl Autoren, gemacht, was sie wollen. Sie haben Versformen erfunden und wieder verworfen, noch ehe die Literaturwissenschaft diese benennen konnten. Heute verfassen sie Unformate, die in kein Schema passen. Im Internet etwa entstehen sehr seltsame Dinge. Auch Romane von ein paar hundert Seiten scheinen derzeit nicht zeitgemäß. Erzählungen wiederum sind zu behäbig, und für Kurzgeschichten fehlt ein konkreter Anlaß in der Welt.  Alles ist irgendwie dazwischen und anders. Vor allem im Netz, das ein paar eigene Gesetze hat.

„Echte“ Dichter hingegen bemühen sich natürlich um die Verbesserung, ja die Vervollkommnung der Sprache. Wenn es sein muß auch, indem sie eine eigene zu erfinden versuchen. Ted Hughes, wenn ich mich recht erinnere, hat sich bis zu seinem Tod darum bemüht. Ich glaube aber, daß er gescheitert ist. Er muß einfach gescheitert sein. Ich hoffe es sehr, weil Sprache letztendlich eine Sache von vielen ist. Zumindest sollte sie das sein.

Obwohl ich andererseits selbst seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, an einem Gedicht arbeite, das sich den mir bekannten sprachlichen Mustern vehement versperrt. Nur zwei Zeilen stehen bislang:

int rabend schwark/te nach tenaht/

Natürlich weiß ich genau, was das bedeutet. Auch wenn ich die Sprache nicht verstehe. Ich weiß nicht einmal, welche Sprache das sein – oder aber werden – könnte. ich habe keine Ahnung. So etwas kommt vor, man kann sich nicht dagegen wehren. Vielleicht ist es nur Wortmalerei. Oder Rhythmus. Vielleicht beides. Auf jeden Fall ist es Spielerei, mehr nicht. Und wenn es in dem Tempo weitergeht, werde ich ohnehin in diesem Leben nicht mehr fertig. Vielleicht wird es aber auch ein Dreizeiler. Ganz bestimmt jedoch werde ich damit scheitern, in meinem eigenen, kleinen, bescheidenen Rahmen. Und das ist gut so.

Blogger

Selbstverständlich dürfen auch Blogger schreiben, wie sie wollen. Und das tun sie. Es gibt bloggende Legastheniker, Blogger, die keinen Funken Gespür für Struktur und Zeichensetzung haben – und es ihren Lesern damit denkbar schwer machen -, und dennoch schreiben und Schüler, die irgendwo in der Welt ein deutsches Blog aufmachen, um Deutsch zu lernen. Das alles existiert im Netz, massenhaft vermutlich, und noch vieles mehr.

Was man findet, ist also spannend oder langweilig, flüssig oder anstrengend, je nachdem. Darüber hinaus lassen sich Stil und Inhalt nicht immer voneinander trennen, nicht vom Leser zumindest. Ein packender Beitrag wird vielleicht auch gelesen, wenn er etwas umständlich geschrieben und mit „Fehler“ gespickt ist. Ohne Frage ist es so besser, als in einem zähen stilistischen Einheitsbrei zu versinken. Dafür ist das Bloggen, sind Blogger nicht geschaffen. Doch es gibt Grenzen, die der Lesbarkeit vor allem. Über die sollte man nachdenken und sie möglichst selbst bestimmen.

In meinem Privatblog schreibe ich übrigens fast ausschließlich klein und ernte dafür immer wieder eindeutiges Gemecker. Schlecht lesbar sei das, und eine längst überholte Idee aus den 70ern. Kann sein. Stimmt vermutlich sogar. Aber bei mir ist das eben so geregelt: Privates wird klein geschrieben. Auch die Privatkontakte in meinem Telefon sind klein gespeichert, die Geschäftsnummern hingegen groß. Obwohl es da längst andere Möglichkeiten gäbe, das weiß ich auch. Na und? Das ist eben mein Stil.