Archiv für Mai 2012

Die Medien, das Chaos und die Grammatik

Mittwoch, 30. Mai 2012

Vor 14 Tagen habe ich mir mal wieder eine Literaturveranstaltung angetan, ich weiß gar nicht so genau, warum eigentlich. Diese hier war es, von der Literaturwerkstatt Berlin und noch anderen hochkarätigen Literaturinstanzen veranstaltet. Viel ist mir nicht in Erinnerung geblieben, das übliche Gestolper durch die sich ach so wandelnde Medienlandschaft, als sei das irgend etwas Neues.

Nein, ist es nicht. Aber wir, hier im Netz, sollten auch nicht den Fehler machen, zu glauben, daß das hier die Welt sei, in der sich von nun alles abspielt. Nein, so ist es ebenfalls nicht. Davon sind wir weit entfernt.

Woran ich mich noch erinnere, mehr so gegen Ende der Diskussion, ist das plötzliche Hochhalten der hohen deutschen Literatur, die irgend etwas mit dem deutschen Volk zu tun haben soll. Oder auch nicht, denn dann war da auch noch die Rede von den vielen Abiturienten hierzulande, die allesamt zutiefst der deutschen Literatur verbunden sind. Als wäre das ein Naturgesetz. Also: 1. Abiturient zu sein und 2. Literatur zu lesen und zu lieben. Gleich beides! So ein Unsinn.

Außerdem war da – natürlich – die Rückbesinnung, das feste Festhalten daran, daß alles schon immer so war. Die historische Finte. Wozu also eine Vermischung, wozu verschiedene Medien, wozu ein Aufbrechen oder einen Aufbruch gar. Wenn das basale Erzählen, die Linearität, überhaupt das Narrative das einzig wahre  Grundelement aller Künste ist. Und immer bleiben wird. Oder so ähnlich.

Am nächsten kam mir da wohl noch Kathrin Passig mit ihrem klugen Postulat, daß wir heute womöglich noch nicht unmöglich wahrnehmen können, was in ein paar hundert Jahren über den Wandel unserer heutigen Zeit resumiert werden wird. Seither frage ich mich, ernsthaft, was wäre wenn. Sich irgendwann einmal nicht mehr nur die schönen bunten Medien wandelten, sondern womöglich die Sprache selbst. Und zwar grundlegend, bis weit hinein in die Grundfesten ihrer tiefen Grammatik*. Was, wenn die Grenzen weich würden, die Zeit und das Erleben darin. Eine Art Zwölftonsprache vielleicht, für den Anfang.

Keine Ahnung, ob es überhaupt möglich ist, diese (vermeintlichen) Gegebenheiten aufzulösen. Aber eines ist doch wohl klar, unsere Sprache (in ihrer artigen Linearität) und unsere Literatur (in ihrer narrativen Schlichtheit) sind letztendlich nur Hilfskonstruktion, mit denen wir uns beständig bemühen, ein paar klare Linien durch das allgegenwärtige Chaos pflügen.

* An dieser Stelle sei eingestanden, daß ich mich weit weniger und außerdem schon seit einer ganzen Weile gar nicht mehr mit diesem komplexen und hochspannenden Thema beschäftigt habe. So mag denn mein Reden als lyrische Einlassung verstanden werden. ;)