Artikel-Schlagworte: „Figuren erfinden“

Das andere Ich

Sonntag, 22. November 2009

Immer noch hänge ich am Ich. Nicht an der Autobiographie, diesmal, nicht an der faktischen Wahrheit. An der hänge ich ja ohnehin nicht so sehr. Vielmehr frage ich mich: Was macht das Ich, das ich (vielleicht) wirklich bin, während der Entwicklung eines anderen Ichs, einem (wirklich) fiktiven Ich, das zu einer Figur in einer Geschichte, in einem Buch taugt?

Irgendwie sind es ja immer nur Bruchstücke von einem selbst, sagte heute Juli Zeh in der Sendung Lido, sinngemäß. Es bleibt ja letztendlich doch immer alles im eigenen Kopf. So ungefähr. Begrenzt, beschränkt, eingesperrt im Eigenen. Das ist durchaus nichts Neues.

Und ist doch auch ein Problem. Vielleicht nicht später, wenn der Text abgeschlossen ist und fertig präsentiert werden kann. Wenn er möglicherweise veröffentlicht wird, schwarz auf weiß. Dann ist es leicht, die Konturen scharf zu ziehen und alle Unterstellungen weit von sich zu weisen.

Aber was tue ich jetzt, in der Phase des Schreibens? Schlimmer noch: Vor dem Schreiben, während der Konzeption der Charaktere und Figuren? Wenn ich also Menschen erfinde, die möglichst nicht hohl sein sollen und leer.

Da gibt es kein Halten, kein Lügen und kein Schwiegen. Da geht alles durcheinander. Da bin ich – dieses wirkliche Ich, das ich vielleicht bin – mein einziges Wahrnehmungsorgan. Ich bin alles, was ich habe. Alles, was mir zur Verfügung steht. Mehr gibt es nicht. Nach außen wie nach innen funktioniert dieser Blick, im besten Fall zumindest. Gleichzeitig versuche ich, eine Leere herstellen. Ebenfalls innen wie außen, so schwer das auch fällt. Und so seltsam das im ersten Moment erscheinen mag.

Denn Leere birgt immer Gefahren in sich. Weil nur darin sich etwas entwickeln kann.

Doch wer genau jetzt gerade (im Oktober/November 2009, ff) in meinem Privatblog engl@absurdum, in dem meine Schreibarbeit lediglich begleitet, selten aber darüber reflektiert wird, über sich schreibt, kann ich selbst – wer auch immer das sein mag – nicht mit Sicherheit sagen. Da kommt in letzter Zeit immer wieder dieser Typ durch, an dem ich gerade arbeite. Das muß ich an dieser Stelle einmal gestehen. Der hat zum Beispiel Magenprobleme, während ich ja eher zu Migräne neige. Magenschmerzen sind mir völlig fremd. So ist es eben, und es hilft ja nichts. Das muß ich jetzt also lernen.

Dementsprechend besteht durchaus die Möglichkeit, vermutlich ist es sogar wahrscheinlich, daß da drüben relativ unkoordiniert etwas darüber durchsickern wird. Oder ähnlich unzusammenhängendes Zeug, ohne daß es tatsächlich konkret zu mir gehören würde, selbstverständlich. Das tut mir jetzt schon mal vorsorglich leid. Geht aber nicht anders.

Toll

Samstag, 6. September 2008

Sprache in der Werbung funktioniert ganz einfach. Über ein Waschmittel, das ganz toll ist, wird auf gar keinen Fall behauptet, es sei ein tolles Waschmittel. Dieses Adjektiv gilt es strikt zu vermeiden. Auch das entsprechende Adverb ist grundsätzlich verboten. Ein noch so tolles Waschmittel wäscht also niemals toll, einfach so. Auf die Art funktioniert es nicht. Das wird durchschaut, auf den ersten Blick. Das langweilt.

Statt dessen werden tolle Geschichten erfunden, am besten mit tollen Figuren. Klementine etwa, die wohl nachhaltigste deutsche Waschmittelwerbeikone. Klementine ist um das Produkt herumgeschrieben, alle Aussagen darüber kommen aus ihrem Mund. Das Wort „toll“ sagt sie dabei nicht, wenn ich mich recht erinnere. Und wenn doch, ist das auch egal. Es fällt nicht weiter auf. Was gemeint ist, wird dennoch nicht konkret ausgesprochen. Dabei steht es glasklar im Raum. Und das nur, weil die Figur so toll ist.

Beim Schreiben ist es im Grunde dasselbe. Was gemeint ist, wird nicht konkret gesagt. So gut wie niemals. Das Zentrum bleibt leer und wird lediglich umschrieben. Oder noch besser: Der Kern einer Geschichte wird dargestellt, auf erzählerische Art vermittelt. Nur so wird es interessant. Artiges Aufsagen oder gar nahtloses Aufzählen von Fakten ist dabei wenig hilfreich. Sprache ist ein unscharfes Instrument, sie kann und muß interpretiert werden. Auslassungen und Leerstellen bieten dafür Anlaß. Nahezu unverzichtbar sind außerdem gute Figuren. Je differenzierter, desto besser. Ohne das alles wird es schwierig. Und langweilig vor allem.

Allerdings sind Figuren nicht gerade leicht zu erfinden. Wenn sie schlecht sind, bleiben sie leer und klingen zwangsläufig hohl. Dann ist mit ihnen kaum etwas anzufangen. Wenn sie gut sind, machen sie sich innerhalb kürzester Zeit selbständig. Und das war es dann mit dem „Kern einer Geschichte“ und seiner Vermittlung. Dann vermittelt sich mitunter etwas, von dem man selbst noch nie gehört hat.

Ein eigenartiges Geschehen, das ist wohl wahr. Gut so!

Zum Thema Werbung bleibt noch zu sagen: Man kann das Waschmittel auch einfach TOLL nennen, das stimmt. „Reinweichen mit TOLL“, würde Klementine dann sagen. Und über die verbesserte Version, gut ein Jahr später, hieße es dann: „SUPERTOLL wäscht porentief“. So geht es natürlich auch.

Aber nur in der Werbung. Beim Schreiben funktioniert das eher selten. Selbst eine Figurennamensgebung auf dem Niveau erweist sich in allzu vielen Fällen als untauglich, um nicht zu sagen total lächerlich. Außer bei Daniel Düsentrieb vielleicht.