Archiv für November 2008

Schreiben ist Denken

Sonntag, 23. November 2008

Wie viele habe ich das Schreiben vor Jahren mit Lyrik begonnen. Oder mit dem, was ich als Dreizehnjährige dafür hielt. Schlecht war das nicht, wenn auch nicht wirklich gut. Das Reimen zumindest habe ich mir schnell abgewöhnt. (Obwohl ich es kann, durchaus.) Das war wohl der entscheidende Schritt. Danach wurde es tiefer. Und dichter. Fast von allein.

Inzwischen aber, das muß ich bekennen, werde ich immer mehr zur Erzählerin. Die Lyrik fliegt mir nur selten noch dazwischen. Damit liebe ich, was mich als Kind schon in seinen Bann gezogen hat. Die Geschichten, in die man abtauchen kann. In denen man sich verliert, über Stunden. Sinnvolle Figuren, die – beinah – in Fleisch und Blut daherkommen. Oder sogar Hirn und Verstand mitbringen, falls erforderlich. Handlungen, die auch jenseits der Struktur tragfähig bleiben. Im Nachsinnen und Weiterträumen.

Das ist altmodisch, ich weiß. Es gibt so viele schöne neue Möglichkeiten zu schreiben, experimentelle Formalien und sprachliche Marotten sind schwer angesagt. Immer wieder, immer noch. Das Internet fügt seinen Teil hinzu und bricht eine „Regel“ nach der anderen auf. Das Lineare vor allem verschwindet mehr und mehr, dadurch werden verflochtene Netz- und Denkstrukturen in Texten immer machbarer. Allerdings nicht unbedingt lesbarer, leider. Dennoch ist das eine entscheidende Entwicklung, durchaus auch in Hinsicht auf das Erzählen der  eher „altmodischen“ Art.

Denken ist eng mit dem Lügen verbunden, von dem ich neulich sprach. Es ist absolut notwendig, um die Brücken schlagen zu können, die erforderlich sind, damit eine Geschichte standhaft bleibt. Nur gut durchdachte Texte stehen fest und sicher. Was allerdings nicht heißt, daß das Fundament in Beton gegossen werden muß. Oder gar sollte. Filigrane Trägerstrukturen sind nicht nur zeitgemäß, sondern funktionieren auch wesentlich besser. Gerade die Grundstruktur verträgt große Löcher, in denen man verschwinden, in die man sich hineindenken kann. Auf die Art werden auch die „kleinen“ Geschichten spannend, die alltäglichen Blogplaudereien zum Beispiel. Verschweigen ist angesagt, andeuten nur und gleich wieder abbrechen. Plötzlich abbiegen in eine unerwartete Richtung, verleugnen und verwirren. Sich (scheinbar) widersprechen. Das alles ist erlaubt und erwünscht. Das sind aktuelle Stilmittel, wichtiger als etwa die verstärkende Wiederholung oder lange deskriptive Passagen.

Derart große Löcher, Haken und Ösen in das Fundament einer Geschichte zu schlagen, sollte jedoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Das ist schwere Arbeit, vergleichbar mit dem freien Schweben im All. Lügen ist kein Herumträumen ohne Zusammenhang. Auch fiktive Welten wollen solide erschaffen, wollen de facto lebensfähig sein. Das tragende Gerüst muß also gut durchdacht und stabil gebaut werden, unter Berücksichtigung aller Wenns und Abers. Denn keinesfalls sollte man in der Hinsicht seine Leser unterschätzen. Die meisten „Fehler“ auf diesem Gebiet werden mit Leichtigkeit entlarvt. Auch Dinge, die im Grunde gar keine Fehler sind, werden immer wieder gern zur Diskussion gestellt. Dagegen muß man natürlich die richtigen Argumente parat haben. Insbesondere in Blogs, in denen ja zumeist kommentiert werden kann.

Schreiben ist also Denken, beim Schreiber wie beim Leser. Das vor allem.

Fiktion – literarisches Lügen

Samstag, 8. November 2008

Was ich neulich in Bezug auf das Bloggen „Lüge“ genannt habe, heißt beim narrativen Schreiben „Fiktion„. Dabei ist es im Grunde dasselbe. Die Personen sind erfunden oder aus verschiedenen, real existierenden Individuen zusammengesetzt. Ihre Namen sind geändert, meist sogar komplett ausgedacht. Vieles ist weggelassen. Das ist womöglich das entscheidendste Merkmal. Nicht alles wird erzählt, obwohl es vorhanden ist. Egal ob real oder fiktiv.

Dabei kann alles erfunden werden. Menschen, Maschinen und Orte. Ja, ganze Welten, in denen andere Gesetze, andere Voraussetzungen gelten. Science Fiktion lebt davon, ganz offensichtlich. Aber auch Krimis und selbst Familiendramen basieren darauf. Wichtig ist allerdings, daß diese fiktiven Welten nicht zwangsläufig aufgeschrieben werden müssen. Ganz im Gegenteil. Meistens reicht es, wenn nur wenig davon zur Sprache kommt. Denkbar wäre zum Beispiel ein Text, eine Geschichte also, die ausschließlich in einem leeren Raum stattfindet, nachts, im Dunkeln. Da sitzt ein Mann, ganz allein, mit seinen Welten.  Nichts weiter.

Das stelle ich mir unendlich spannend vor. Unheimlich vielleicht und atemraubend. Spannender zumindest als einen Reisebericht, der so überaus wichtige Informationen wie die farbliche Gestaltung der Tickets und den Preis des Kaffees am Abflughafen beinhaltet. Der anschließend den Flug und die Busfahrt zum Hotel, die Schlüsselübergabe und die Fahrt mit dem Fahrstuhl beschreibt. Außerdem noch die folgenden drei Tage, das Essen, das Wetter, die Ausflüge. Und dann erst den Mord geschehen läßt. Wenn überhaupt.

Die richtige Auswahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die beim Schreiben getroffen werden müssen. Gleich danach kommt die Anordnung, die Montage. Also einfach gesagt die Erzählreihenfolge, die keinesfalls einem chronologischen Ablauf entsprechen muß. Aber dazu später mehr.

Fiktion ist allerdings nicht nur schreiberischer Alltag, sondern auch ein heilsamer Teil des Lebens. Findet zumindest die Autorin Nancy Huston in einem lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau. Bei allen berechtigten Zweifeln, Fiktion kann offensichtlich so etwas Ähnliches wie Hoffnung sein. Die Lüge also, sie ist nicht nur wichtig, sondern auch richtig und gut.