Archiv für August 2011

DAS Blog ist DAS Blog ist DAS Blog

Freitag, 26. August 2011

Nur kurz, als Statement sozusagen: Ich bleibe bei DAS Blog, ist doch klar.

Auch wenn es ganz nüchtern und sprachwissenschaftlich betrachtet inzwischen ganz anders aussieht. Das hat gestern das Sprachlog detailliert und mit Grafiken aufgehübscht ausgeführt, selbst wenn der Autor dabei eindeutig auf meiner, also auf der richtigen Seite ist:

Warum sagt mein Sprachgefühl mir etwas so völlig anderes? Nun, zunächst ist klar, dass Blog eine Abkürzung von Weblog ist, und darin ist das Wort log enthalten. Die deutsche Entsprechung Log(buch) ist ein Neutrum, und als das Wort (We)blog vor noch nicht allzulanger Zeit ins Deutsche entlehnt wurde, war es deshalb auch ein Neutrum. Eine nach Jahren aufgegliederte Suche in den deutschen Tageszeitungen im Deutschen Referenzkorpus zeigt, dass das Verhältnis Neutrum/Maskulinum sich über die Jahre tatsächlich vom Neutrum zum Maskulinum verschoben hat …

Ach, wir werden den Kampf verlieren, das ist wohl klar. Leider.

Klagenfurter Nachlese (1)

Mittwoch, 17. August 2011

Andere behaupten ja gern von sich, sie seien eine Schnecke. Das mag stimmen oder auch nicht. Ich hetze ja mehr so umher, für mein Empfinden zumindest. Wenn ich dann allerdings doch einmal alles ausrollen lasse, kommt es mitunter zu einer überraschenden Langsamkeit. So habe ich nun, nach über vier Wochen, endlich damit begonnen, die Klagenfurttexte nachzulesen.

Zunächst einmal teile ich ein und zähle die Texte, die sich im weitesten Sinn mit Familie, also mit Vätern und Müttern und Kindern beschäftigen. Daniel Wisser, Anna Maria Praßler und sogar Steffen Popp zähle ich dazu, weil der Familienkomplex in den Texten irgendwie mitschwingt oder zumindest nicht weit entfernt scheint. Michel Božiković dagegen fällt raus, obwohl der Text vermutlich dazugehört. Ich glaube aber nicht, daß ich den noch einmal lesen möchte. (Aber wer weiß, vielleicht tue ich es am Ende doch und erlebe eine Überraschung.)

Bleiben drei, die nichts mit Kindheit, Familie und Erinnerung und so weiter zu tun haben. Drei von vierzehn. Mir ist ja klar, daß es im Klagenfurt immer so ist. Aber daß es so eindeutig ist, das überrascht mich dann doch.

Ich beginne also mit dem Siegertitel, den ich vor Ort aufgrund einer in der Nacht zuvor spontan einsetzenden Rotzröchelei kaum mitbekommen habe. Ich erinnere mich nur noch, daß ich aus dem Saal flüchten mußte, um fließend und schniefend dort nicht weiter zu stören. Da saß ich dann also in diesem Café auf dem Boden und versuchte, mich auf den großen Bildschirm in der anderen Ecke des Raumes zu konzentrieren. Tatsächlich war ich aber von den massiven Flüssigkeitstransfers im unmittelbaren Hintergrund meines Gesichts, inklusive unvermittelt einsetzenden Tränenflusses, einigermaßen in Beschlag genommen, um nicht zu sagen benebelt. Dementsprechend mies war mein erster und natürlich komplett unmaßgeblicher Eindruck.

Die klassische Themenstruktur Vater, Familie, Vergangenheit waren jedoch auch vor Ort, auch für mich in meiner mißlichen Lage, unüberhörbar vorhanden. Irgendwer hat kurz darauf geschrieben, daß der Text altmodisch und langweilig sei. Möglicherweise war es auch nicht nur einer, vielleicht wurde auch darüber geredet. Ich weiß es nicht mehr. Das Altmodische allerdings bestätigt sich jetzt, beim Nachlesen, nahezu sofort. Viele Beschreibungen, viel Außen, mit womöglich viel Bedeutung darin. Ich weiß es nicht. Aber langweilig finde ich es zunächst überhaupt nicht. Da ist ein Thema, eindeutig, und das ist kein bißchen schlecht. Das hat etwas, auch wenn ich es nicht recht zu fassen kriege. Selbst jetzt nicht, auf meinem Balkon, Wochen später. Und ohne gesundheitliche Beeinträchtigung. Trotzdem verpasse ich leider sämtliche Textstellen, die mir vermitteln sollen, daß es sich bei der Tochter um ein Kind handelt, und so sitzt da für mich zunächst einmal eine erwachsene Tochter hinter ihrem Vater auf dem Motorrad. Ohne Zweifel ist das Blödsinn und inhaltlich durch nichts begründet. Genau so komme ich mir dann auch vor beim Weiterlesen: leicht irritiert und irgendwie blöd.

Die Geschichte wird bodenlos für mich, ich lese haltlos weiter. Wenn ich genau nachschaue, wenn ich danach suche, dann finde ich natürlich die Stellen, die eindeutig auf das Kind hinweisen. Das Kind, das erzählt. Damit habe ich ein Problem, grundsätzlich. Diese kaum zu bewältigende Erzählperspektive, ein Kind sprechen zu lassen. Ein Kind, das erzählt, was erst die Erwachsene, sehr viel später womöglich, in einen Zusammenhang gebracht hat. Ein Kind, das aber dennoch ein Kind ist. Und ein Kind bleibt, innerhalb des Textes zumindest. Da fehlt grundlegende Substanz, als hätte es kein Leben danach gegeben. Ich weiß nicht, für mich funktioniert Erinnern einfach anders.

Aber wie gesagt, ich habe ein grundsätzliches Problem mit dieser Art von Textkonstruktion.

So verliert mich auch Im Kessel mehr und mehr und fängt sogar an, mich trotz gelungener und interessanter Passagen schwer zu ärgern. Mir ist das alles zu glatt, zu gradlinig. Zu durchdacht für ein Kind. Und es ist Kitsch, immer wieder. Auch mit Kitsch habe ich ein Problem. Ein ganz persönliches Problem übrigens, weiß ich doch genau, daß ich selbst einen nahezu unüberwindbaren Kampf mit dem eigenen Kitsch ausfechte. Tag für Tag sozusagen. Dennoch: der letzte Satz zum Beispiel, das ist doch keine Poesie. Das ist Kinderkitsch.

Ich mache weiter mit Anne Richter, deren Text ich in Klagenfurt wesentlich besser mitbekommen habe. Gut genug immerhin, um ihn sehr langsam und ebenfalls recht traditionell in Erinnerung zu haben. Darüber hinaus aber auch sehr deutlich und tief. Dennoch erwarte ich nicht viel, nur verschiedene verschachtelte Familiendesaster, langsame Dialoge, ordentlich notiert, und nichts Abschließendes, weil es natürlich ein Romanauszug ist. (Oder?)

Doch ich werde überrascht.

Abgesehen von dem artigen Stil, der nun wirklich nichts Spezielles hat, gefällt mir die Story an sich ausgesprochen gut. Es gibt zwar keinen Wechsel, an keiner Stelle, kein Tempo, grundsätzlich nicht, und keine Farbe, nirgends. Den Roman, wenn es denn einer ist, würde ich wohl eher nicht lesen wollen. (Es muß ein Roman sein, sonst macht das doch keinen Sinn. Oder?) Das wäre mir dann doch zuviel von all dem. Alles ist dunkel, auch das Blut und der Tod. Obwohl ich genau das eben mag, die Menschen darin vor allem. Ihre Schweigsamkeit und Starre, auch ihre Langsamkeit, diese entsetzliche Ergebenheit. Und die Konzentration auf die Geschwister, was ja auch der unvermeidliche Titel ist, die sich so fern sind, so nah. Das ist überdeutlich vorhanden. Und das ist doch eigentlich gut. Sogar die eine oder andere Beschreibung gelingt, und davon gibt es wieder einmal jede Menge. Was will ich denn mehr?

Es gibt ihn doch, den vertrauten Schrecken mitten in dieser familiären Düsternis. Irgendwie paßt das, alles. Wenn es nur nicht so harmlos geschrieben wäre, so artig zusammengebacken. Eines an das andere, logisch schlüssig und  seltsam unbeschädigt. Ohne Kontrast, ohne Risse, durch die der eine oder anderen Lichtstrahl den wirklichen Schrecken erhellen könnte. Schade.